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Gottfried Heinzmann
„Einbildung ist auch eine Bildung“ – woher dieses geflügelte Wort stammt, lässt sich nicht so einfach nachverfolgen. Die Zusammenhänge, in denen es gebraucht wird, sind dagegen leicht vorstellbar: Da breitet jemand mit einem leicht überheblichen Unterton, gespickt mit vielen Fremdwörtern, sein Wissen aus und macht dadurch deutlich, wer von den beteiligten Gesprächspartnern als gebildet gelten kann, und wer eher nicht.
Bildung oder Einbildung

Eine mögliche Antwort auf die „gebildeten“ Gesprächsbeiträge des Gegenübers könnte lauten: „Einbildung ist auch eine Bildung.“ Da beharrt jemand in einer Sitzung auf einer Position, in die er sich verrannt hat. Er begründet das mit Argumenten, die mehr Halbwissen und nicht zu Ende Gedachtes transportieren als nachvollziehbare Gründe. Ein Sitzungsteilnehmer raunt dem anderen zu: „Einbildung ist auch eine Bildung.“

❚ Was ist das Ziel von Bildung?
Ausgehend von diesen fiktiven Beispielen möchte ich nach dem Ziel von Bildung fragen: Ist Bildung dazu da, anderen Menschen die eigene Überlegenheit zu demonstrieren? Sicherlich muss das nicht auf eine solch plumpe Art geschehen, wie ich das in diesen Beispielen skizziert habe. Doch viele Bildungsziele, wie sie in der aktuellen Bildungsdebatte genannt werden, gehen letztlich auf denselben Kern zurück: Wie kann ich mich aufgrund meiner Bildung möglichst gut in Szene setzen? Wie kann ich durch den Erwerb von Wissen und Kenntnissen einen möglichst großen Vorteil für mich selbst erzielen? Es ist notwendig, diese egoistische Bildungsperspektive aufzubrechen. Schließlich ist ein junger Mensch nicht dann schon gebildet, wenn er aufgrund seiner Ausbildung einen guten Job gefunden hat und mehr verdient als die meisten anderen. Genauso wenig kann eine junge Generation dann schon als gebildet gelten, wenn Firmen genügend qualifizierten Nachwuchs erhalten, um weiterhin innovativ und leistungsfähig zu sein.

Bildung dient anderen
Damit der Zuwachs an Fertigkeiten und Wissen nicht zu einem egoistischen und hochmütigen Verhalten führt, brauchen gerade gut ausgebildete junge Menschen ein Fundament. In seinen Kloster regeln schreibt Augustinus: „Du willst groß sein? Fange an mit dem ganz Kleinen. Du beabsichtigst, einen großen und hohen Bau zu errichten? Denke zuerst an das Fundament der Demut. – Je höher das Gebäude werden soll, desto tiefer gräbt man das Fundament.“ 1

Hohe Bildungsgebäude brauchen ein gutes Fundament. Das Wort Demut klingt in diesem Bildungszusammenhang sehr sperrig und kann auch leicht missverstanden werden. Demut bedeutet nicht, das eigene Können, die eigene Würde und Stärke herunterzuspielen. Demut ist der Mut zum Dienen. Auf die Bildung angewendet hätte das zur Folge, dass ein demütiger Mensch das eigene Können, die eigenen Kenntnisse anderen zur Verfügung stellt. Ein gebildeter Mensch dient mit seinen natürlichen Fähigkeiten und erworbenen Kenntnissen anderen. Paulus schreibt: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ (Philipper 2,3-4).

❚ Bildung braucht Vor-Bilder
Wie es konkret werden kann, dass jemand sein Leben für andere einsetzt, das lernt man nicht in der Theorie, sondern am Beispiel von Menschen, die Mut zum Dienen haben.
■ Wenn sich ein Mitarbeiter beim Verteilen der Aufgaben nicht um die unangenehmen Jobs drückt …
■ Wenn eine Mitarbeiterin, die brillant und überzeugend moderieren kann, nicht selbst auf die Bühne steht, sondern andere fördert ...
■ Wenn Ehrenamtliche, die aufgrund ihrer beruflichen Belastung kaum freie Zeit zur Verfügung haben, in Gremien Verantwortung übernehmen ...

Mitarbeitende in der Jugendarbeit übernehmen durch ihr Verhalten und ihre Einstellungen eine Vorbildfunktion. Kinder und Jugendliche nehmen sehr genau wahr, ob und wie Mitarbeitende sich für andere einsetzen oder ob auch sie eher auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Sie orientieren sich an dem, was die Mitarbeitenden vorleben und übernehmen es für ihr Leben, ihren Glauben und ihr Handeln, wenn es für sie stimmig und überzeugend ist. Darin liegt eine besondere Stärke des Bildungsortes Jugendarbeit. An diesem „eigensinnigen Bildungsort“ kann Bildung vorgelebt werden, die nicht nur den eigenen Vorteil im Blick hat, sondern anderen dient.

Gottfried Heinzmann
Leiter des ejw

1 In: Peter Dyckhoff: Geistlich leben im Sinne alter Klosterregeln, München 2005, S. 91.

Aus: UnterUns 4-2010  Jugendarbeit bildet

Webcode 216gh410

Übrigens - ich freue mich über einen Kommentar von Ihnen.

geschrieben von rr am 25.06.2010 um 16:07 Uhr.
 


1.

Christliche Bildung? bitte gerne! - wenn damit gemeint ist, dass christliche Bildung den Menschen im Blick hat, ihn da abholt, wo er ist, seine Themen und Fragen aufgreift fragt, was er gerne "lernen" möchte und unter "Lernen" einen gemeinsamen Prozess versteht, wenn sich auch Lehrende im ejw sich die didaktischen Fragen stellen - wer - was - wann - mit wem - wo - wie - womit - warum - und wozu lernen soll. (vgl. Jank, W.: Meyer, H: Didaktische Modelle, Frankfurt/M. 1991 S. 16 in Reader zum Religionspädagogischen Lehrgang, zweite, überarbeitete Fassung, Loccum 1998, S.17)
Johannes Markus Drechsler am 30.07.2010 um 12:06 Uhr ( E-Mail | Homepage )

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