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Wenn wir singen, fangen wir nicht an, sondern stimmen ein. Beim Durchblättern der Lieder zum Jahreswechsel bin ich an dieser einen Liedzeile hängen geblieben: „So lass uns hören jenen vollen Klang“ - ist das dasselbe wie „satter Sound“?
Die komplette Strophe hört sich bei Dietrich Bonhoeffer so an:
„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

Wenn wir singen, fangen wir nicht an,
sondern stimmen ein
Dahinter steht die Vorstellung, dass unser Lobgesang eingebettet ist in den himmlischen Lobgesang der Engel. Von der orthodoxen Kirche können wir lernen, dass unser Gesang, unser Gebet, unser Gottesdienst ein blasses Spiegelbild des himmlischen Lobgesangs ist, der unablässig stattfindet. Wenn wir singen, fangen wir nicht an, sondern stimmen ein. Wir sind nicht die ersten und einzigen, die Gott loben. Mit unseren Stimmen und unseren Instrumenten nehmen wir teil an der himmlischen Musik zur Ehre Gottes, die vor uns begonnen hat und nach uns weitergehen wird. In diesem vollen Klang hat manches Platz: Streichquartett und Hackbrett, E-Gitarre und Piccoloflöte, Orgel und Schlagzeug. Aus einer himmlischen Perspektive betrachtet wird wohl eher die innere Haltung der Musizierenden und Singenden eine Rolle spielen als die Frage des Musikstils oder der musikalischen Qualität. Auf jeden Fall gilt: Wir sind eingeladen, mit unserer Stimme in den vollen Klang des Lobgesangs einzustimmen.
Während wir schlafen, singen andere
Bonhoeffer weitet den Gedanken des himmlischen Lobgesangs noch aus. Er bezieht die Lobgesänge der Menschen ein, die um uns herum leben und die für uns unsichtbar und unhörbar Gott loben. Während wir schlafen, singen andere Christen zu Gottes Ehre. Während wir arbeiten, stimmen andere Kinder Gottes den Lobgesang an. Während sich die Stille um uns breitet, gibt es um uns herum eine unsichtbare Welt des Lobgesangs. Aus seiner Gefängniszelle schreibt er im Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer am 19.12.1944: „Ich bin so froh, dass ich Dir zu Weihnachten schreiben kann … Es werden sehr stille Tage in unsern Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt … Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergessene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“
(Brautbriefe Zelle 92, München 2001, S. 203).
Nichts kann uns von der Gemeinschaft des Lobgesangs trennen
Auf diesem Hintergrund wird verständlich, was mit der Stille gemeint ist, die sich um ihn breitet. Es ist die Stille seiner Gefängniszelle in der Prinz-Albrecht-Straße. Es ist die Stille, die ihn vom gemeinsamen Singen der Lieder an Weihnachten und am Jahreswechsel abhält. Es ist die Stille, die ihn von der Gemeinschaft des Lobgesangs abzuschneiden droht. Mit den von Gott geöffneten Ohren nimmt Bonhoeffer wahr: Der Lobgesang Gottes wird gesungen. Um mich herum stehen viele andere. Weder die Stille des Gefängnisses, noch die Verhöre der Gestapo, noch das über mir schwebende Todesurteil haben die Macht, mich von dieser Gemeinschaft des Lobgesangs zu trennen.
Für das vor uns liegende Jahr 2010 wünsche ich uns diesen weiten und tröstlichen Blick für die unsichtbare weite Welt der singenden Kinder Gottes um uns herum. Dass wir wissen: Ich per- sönlich bin Teil der weltweit singenden Gemeinde Gottes. Niemand und nichts kann mich von der Liebe Gottes in Jesus Christus trennen und aus der Gemeinschaft des Lobgesangs ausschließen.
Gottfried Heinzmann
Leiter des ejw
Vorwort aus dem UnterUns 1-2010
Mehr dazu und pdf-Datei zum Download
Webcode 216gh110
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