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Biografische Notizen eines hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeiters. Geschrieben für den Freundesbrief zum Thema: "Berufung" der Evangelischen Missionsschule der Bahnauer Bruderschaft in Unterweissach. Und als Rückblick kurz vor der passiven Phase der Altersteilzeit.
Jünger wird man unterwegs

Kürzlich war ich beim Arzt. Ab und zu sollte man ja sein Herz überprüfen lassen. Ok - ein paar Kilo weniger wären besser. Dafür war ich beim Belastungs-EKG gut in Form. Anerkennend fragte der Arzt:
„Haben Sie in ihrer Jugend viel Sport gemacht? Davon profitieren Sie jetzt." Dankbar erinnere ich mich an meine CVJM-Sozialisation in Eberstadt. Jungschar, Jungenschaft, Eichenkreuz-Sport, selber Mitarbeiter, Jungscharleiter, BAK im Bezirk Weinsberg - ein reiches Feld zum Ausprobieren. Da profitiert man ein Leben lang davon.

....dann geh nach Unterweissach
Sonntags nach der Kirche haben wir ihm seine Zigarillos weggeraucht und seinen Cognac getrunken. Das war meine erste Begegnung mit einem Bahnauer Bruder. Und wir konnten herrlich mit ihm diskutieren. Er hatte ein offenes Ohr, konnte gut formulieren und klar denken. Er und seine Frau hatten ihr Herz und ihre Wohnung im CVJM-Heim Eberstadt weit für uns Junge geöffnet. Dafür bin ich Ingrid und Eugen Reiser sehr dankbar.
Gemeinsame Aktionen, Projekte, Mitarbeiterschulungen und Freizeiten folgten. Mittlerweile hatte ich mein Abitur bestanden und eine Lehre als Kfz-Handwerker fast hinter mir. Maschinenbau studieren, Richtung Kraftfahrzeugtechnik war der Plan - alles was lärmt und sich möglichst schnell bewegt, hatte es mir angetan. Hauptamtlich stand nicht in meiner Lebensplanung.

Und dann war dieses Nachtgespräch im kleinen Leiterzimmer im Freizeitheim Finsterrot. Die Geschichte vom reichen Jüngling hatte uns am Tag beschäftigt.
„Was willst du mit deinem Leben anfangen?" Irgendwie muss ich was gesagt haben wie: „Es Gott zur Verfügung stellen, was für Gott tun, Jesus nachfolgen." Und damals gab es diese Berufungsworte noch, wie Eugen sie mir in jener Nacht von Gottes Geist beauftragt zusprach: „Dann geh nach Unterweissach!"

So kam ich auf die Missionsschule. Es waren turbulente Zeiten damals, Anfang der 70er Jahre. Die Faszination theologischen Denkens und die Chance, menschliches Miteinander als praxis pietatis (gelebter Glaube) zu gestalten. Griechisch-Vokabeln lernen und Stündle halten - mit anschließendem Vesper für die hungrigen Missionsschüler. Gewagte Jugendkreis-Aktionen und Schlepperfahrten mit Erntedankgaben. Gut gemeinte Traditionen mit festen Regeln - und quirrlige junge Männer, die theologisches Denken gelernt hatten und die Freiheit des Evangeliums auch im Lebensvollzug gestalten wollten.

Jünger wird man unterwegs

Jesus hat seine Jünger berufen, dass sie „mit ihm" sein sollten. Mit ihm sind sie durch das Land gezogen. Von ihm haben sie gelernt. Mit ihm haben sie ihren Dienst reflektiert. Ihm haben sie ihre brennenden Fragen gestellt. Und von ihm haben sie Worte gehört, die zur Quelle des Lebens für sie geworden sind.
Wanderungen mit Jesus sind Quellorte eines Berufungslebens. Viele Jahre war deshalb der Montagmorgen meine besondere Zeit mit Jesus. Einfach nur laufen, ihm erzählen, was mich bewegt, mein Herz ausschütten, meine Sorgen und Nöte mit ihm teilen, meine Klage vor ihm ausbreiten - meine Zeit zum Füße waschen lassen. Verarbeitungs- und Reifezeit. Und dann einfach nur sein Wort nehmen und lesen. Ohne Produktionsdruck, nur für mich. Meistens ist daraus eine Zeit voller Erquickung und Inspiration geworden. Solche besonderen Zeiten mit Jesus verwandeln Berufserfahrung zur Berufungs-Erfahrung.

Umgang mit Enttäuschungen ist eine wichtige Aufgabe. Das heißt oft auch ganz bewusst vergeben lernen. Groll, Neid und Bitterkeit keinen Raum in den Gedanken und im Herz geben. Kolosser 3 jeden Morgen laut zu lesen hilft mir dabei. Auch dunkle Täler gibt es. Wegstrecken ohne Sicht und ohne Licht. Einfach weitergehen und vertrauen. Auch da, wo der eigene Heiligenschein zerbricht, man hinter seinen Idealen zurückbleibt, sich als Sünder am Boden wiederfindet.
Gott nimmt seine Berufung nicht zurück. „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir!" Das prägt Berufungsexistenz in der Tiefe: Wenn sich Jesus zu dir hinunter beugt und dich behutsam aufrichtet, mit Augen voller Liebe anschaut, seinen Arm um dich legt und spricht: „Du gehörst zu mir! Ich mache dich recht. Ich mache dich heilig. Bleib einfach ganz nah bei mir."

Du hast die Wahl
Manchmal gibt es Zeiten, wo der Stress zu viel wird. Irgendwann hat es mich gereizt, nach 30 Jahren wieder zu rauchen. Auf einmal habe ich es geschafft, sogar Raucherpausen einzulegen. Das hat für einen Moment gut getan. Einfach nur Zeit für mich und den Rauch zu haben. Trotzdem -zufrieden war ich nicht. Da man auch beim Rauchen beten darf, habe ich Jesus zwischen Rauchwölkchen morgens beim Spaziergang gefragt: „Warum mache ich das eigentlich? Kannst du mir das bitte erklären?"
Seine Antwort kam direkt: „Es ist wie eine Krücke für dich. Vielleicht hilft dir das jetzt. Zumindest das tiefe Einatmen von Rauch bringt dir Ruhe. Aber das Mittel, das du dazu verwendest, schadet dir."
Ok - das leuchtet mir ein. Ich brauche Pausen, in denen ich bewusst tief durchatme.
Aber Jesus war noch nicht fertig. „Schau mal, was du ein- und ausatmest." „Rauch" „Und jetzt tausche mal die Buchstaben a und u.
R u a ch - das hebräische Wort für Geist. „Wie wäre es, wenn du statt dem schädlichen Rauch meinen lebensspendenden Ruach-Geist tief in dich einatmest? Du hast die Wahl!"
Dafür liebe ich ihn besonders, meinen besten Freund Jesus. Weil er mich nicht verurteilt, sondern so viel Geduld, Humor und Weisheit hat.

Wurzeln und Früchte

Früchte sieht man leichter. Wurzeln sind eher im Verborgenen. Aber ohne Wurzeln wachsen keine Früchte. Was sind die Wurzeln (m)einer Berufung als Hauptamtlicher?

berufen zur Gemeinschaft
Die erste Berufung ist zu einem Leben in der Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott. Seine Vaterliebe ist ausgegossen in unser Herz - überfließend.
Sich dieser Liebe zu vergewissern, in ihr gegründet und verwurzelt sein, sie zu genießen, zu spüren und weiterzugeben ist der innerste Kern des Jüngerlebens.
Das ist für Hauptamtliche nicht anders.
Freundschaft mit Jesus pflegen, Tag für Tag. Eigentlich ein ganz besonderes Vorrecht. Ein Freund ist jemand, der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorsingt, wenn du sie verloren hast. Jesus kennt die Melodie deines Herzens sehr genau - und er vergisst sie nie.
Aber Jesus ist vor allem der Erlöser. Deshalb kann ich von seiner Erlösung her denken, leben und arbeiten. „Es ist vollbracht" - das schließt alles ein, was noch auf uns zukommt. Deshalb muss ich nicht mehr in Problemen und Umständen denken. Sondern darf ausrufen und bekennen: „Jesus, du bist der Erlöser. Das soll hier in dieser komplexen und herausfordernden Situation wirksam und sichtbar werden.
Die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist gehört genauso dazu. Er ist uns gegeben als Tröster, Helfer und Lehrer. Ihm darf ich meine leeren Hände, meine enttäuschte Seele, meinen ratlosen Kopf, mein müdes Herz hinhalten. „Fülle du mich bitte neu. Ich brauche dich mehr als alles andere."
Diese erste Berufung zur Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott bewahrt davor, dass der hauptamtliche Dienst in ein Arbeitsverhältnis abrutscht. Aber du bist nicht Knecht, sondern Sohn oder Tochter und berufen, in einer Liebes-Beziehung mit Gott zu leben.

berufen zur Hingabe
Das habe ich leider erst viel zu spät entdeckt. Und wohl nicht immer so gut hinbekommen. Die richtige Reihenfolge für Lebensprioritäten - gerade auch für Hauptamtliche - geht so:
1. Gottesbeziehung
2. Ehe
3. Familie
4. Dienst und Beruf
Ehe und Familie sind eine besondere Berufung. Was wir hier lernen, bringt Frucht im Reich Gottes.

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„Ich fand dich nicht. Gott hat dich mir gegeben.
So segnet keine andere Hand."

Mit diesem Vers von Matthias Claudius begann die Freundschaft mit meiner Frau. Jetzt sind wir 36 Jahre verheiratet, haben drei erwachsene Kinder, einen Hund - und jede Menge gemeinsame Erfahrungen. Vor zehn Jahren haben wir eine längere Ausbildung in Ehe-Seelsorge gemacht. Seither sind wir gemeinsam in der Ehe-Arbeit aktiv. Eines unserer Themen heißt: Das Geschenk der Ehe-Person. Wie kann das Gemeinsame wachsen und die Ehe-Beziehung flexibel bleiben?
Meine Frau als hilfreiches Gegenüber zu sehen - auch dann, wenn sie mir Unbequemes sagt? Und das auch noch als Gottes Geschenk annehmen? Zuhören lernen - statt schnelle Worte und passende Argumente liefern. Wohl dem, der im Lauf seiner Ehe gelernt hat, auf die Stimme der Prophetin im eigenen Haus zu hören. Sie ist es, die unser Herz weich hält, uns vor Routine bewahrt und zur Liebe inspiriert und herausfordert. Ehe und Familie wird so zum Ort, wo wir unsere Berufung zur Hingabe trainieren und praktizieren können. Dazu haben wir Kinder als Trainerinnen und Trainer zum Vaterwerden erhalten.

berufen zur Anbetung
Lass doch die Welt voll Rätsel sein. Bete Gott an. Von ihm und zu ihm und durch in sind alle Dinge." Gerhard von Rad
Ja -sicher. Singen, Loblieder, das Herz ausrichten auf Gott gehört zur Anbetung. Aber hier nur an bestimmte musikalische Formen zu denken, greift zu kurz. Anbetung ist mehr als eine harmonieerfüllte Zeit, in der die Seele zur Ruhe kommt und der Geist erfüllt wird. Aber meint Jesus das, wenn er sagt: „Der Vater will Anbeter, die ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten."
Ist Anbetung nicht auch ein Kampf. Vielleicht der eigentliche Kampf um unser Herz. Was bewegt mein Herz wirklich? Gehört mein Herz nur Jesus allein - oder haben da andere Götter Platz genommen? Wonach halten meine neugierigen Augen Ausschau? Wie ist das mit den unendlichen Weiten und Tiefen des Internets? Was brauche ich noch an Mitteln, Programmen und Geräten, um die Herausforderungen des Berufs zu bewältigen? Was ist hier eigentlich mein Gott? Von wem erwarte ich Hilfe? Ja - ich habe ein iPhone und ein iPad. Ich kenne die Faszination moderner Technologien. Und ich kann mich dafür begeistern. Natürlich mit der Leidenschaft, Technik für das Reich Gottes zu nutzen. Aber ich erlebe auch die Unruhe des „always on" und die Zerrissenheit des Multitaskings.
Wie ganz anders sind die beglückenden Zeiten in Gottes Gegenwart. Das Gesicht in die Sonne halten, die Schatten hinter sich lassen. Das öffnet für die Geschenke des Lebens: Kinderlachen hören, Blumenduft riechen, Leben schmecken, die zarte Berührung und den liebevollen Blick meiner Frau spüren.
Anbetung ist der Kampf um unsere Aufmerksamkeit,
der Kampf um unser Herz.
Anbetung - das meint Paulus mit dem „Betet ohne Unterlass." Ein Leben in der bewussten Gegenwart Gottes. Er ist ja da. Nur ich muss mir seine Gegenwart im Bewusstsein halten. Meine Frau hat mir eine Uhr geschenkt, die ich so einstellen kann, dass sie alle 15 min kurz summt. Tief durchatmen, „danke Jesus, du bist ja da." Oder einen Liedvers summen. Gottes Liebe aufnehmen, seine Nähe suchen, seinen Rat erbitte und das Herz auf ihn ausrichten - das ist Anbetung.

Rainer Rudolph,
Jahrgang 1950, 
1971-1975 Ausbildung in Unterweissach von
1975-1977 Jugendreferent in Calw,
1977-1981 Bezirksjugendreferent in Brackenheim,
1981-2004 Landesreferent Jungschararbeit und
2004 2011 Landesreferent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
                 im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg

Morgengebet

Vater im Himmel, ich danke dir für mich.
Du hast mich wunderbar gemacht.
Ich lobe und preise dich dafür.
Mache du mich jetzt bitte stark
am inneren Menschen,
dass ich in deiner Liebe
eingewurzelt und gegründet bin
und das ganze Fundament meines Lebens
auf deine Liebe baue.

Jesus,
komm du bitte
reinigend in alle Eindrücke meines Lebens,
komm lösend in alle Enttäuschung,
heilend in alle Verletzung
und befreiend in alle Bindung.

Heiliger Geist,
mache mich würdig deiner Berufung
und vollende alles Wohlgefallen am Guten
und das Werk des Glaubens in Kraft
das Jesus in mir verherrlicht wird
und ich in ihm.

Öffne du meine Augen,
dass ich mich so sehen kann,
wie du mich siehst.
Öffne du meine Ohren,
dass ich dir zuhören kann
mit der Kraft zu gehorchen.
Öffne du meinen Geist und meinen Mund,
dass ich deine Gedanken über mich denke
und deine Worte rede.
Öffne du mein Herz,
dass deine Liebe durch mich fließen kann.
Öffne du meine Hände,
dass ich diese Welt segne.

Rainer Rudolph

Dieses Gebet kann man für sich selber beten oder für Menschen,
die einem nahe stehen.

Veröffentlicht im Freundesbrief 3-2011 der Bahnauer Bruderschaft.
www.missionsschule.de

upload/pdf-symbol16.jpg Jünger wird man unterwegs

 

Webcode 218-rr-1950

geschrieben von Rainer Rudolph am 02.02.2012 um 20:48 Uhr.
 


1.

Liebe Sonja, lieber Rainer, nicht zu vergessen eure Jahre in Brackenheim. Auch was ihr uns Mitarbeitern in der Jugendarbeit auf Freizeiten, Zeltlagern, beim Mitarbeitertreff und bei manchen Begegnungen im Neipperger Pfarrhaus mitgegeben hat, hat Früchte getragen. Und wie ihr das Evangelium gelebt und lebendig weitergegeben habt, hatte sicher auch seinen Anteil daran, dass unser Leben in diese Richtung gelenkt wurde, wo wir heute beruflich und ehrenamtlich tätig sind. Alles Gute euch beiden, Gottes Segen, bleibt gesund! Regina und Peter
Peter Widenmeyer am 08.02.2012 um 20:57 Uhr ( E-Mail | Homepage )

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