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Ein offener Brief an Turbo-Gymnasiasten und andere eilige Jugendliche
Soziales Jahr: Verlorene Zeit?

Lieber Eilert,
du hattest mich gefragt, was ich dir für die Zeit nach dem Abi empfehle. Als Landesschülerpfarrer kenne man sich da ja sicherlich aus und wisse, welche Wege erfolgsversprechend sind.

Richtig euphorisch klang deine E-Mail: „Gleich zwei Jahre gewonnen" gegenüber deinem älteren Bruder, der nicht nur 13 statt 12 Jahre bis zum Abitur brauchte, sondern auch noch zu einem Jahr Zivildienst gezwungen worden war. Dir aber steht - scheinbar - die schöne neue Welt der Durchstarter offen: Kurz nach dem 18. Geburtstag an die Uni, ein flottes Bachelor-Studium, und ab Anfang 20 winkt ein gut bezahlter Job.
Die Botschaft aus der Politik hast du offensichtlich verstanden: Um auf dem globalen Konkurrenzmarkt mithalten zu können, muss alles schneller und effizienter werden im Lebenslauf der jungen Menschen.

Ehrlich gesagt: Ich habe da meine Zweifel. Entscheidend beim Lebens- und Berufsweg ist nicht die Geschwindigkeit, sondern die Richtung - und eine gewisse Wertschätzung für Kurven, Sackgassen und Schleichwege. Für mich war die Zivildienst-Zeit eines der besten Jahre meines Lebens, gerade weil es quer stand in der Biografie, zwischen Schule und Studium einen ganz anderen Akzent setzte.

Der inzwischen abgeschafften Wehrpflicht trauere ich nicht nach. Aber der zivile „Ersatzdienst", zu dem die Wehrpflicht viele nötigte, brachte schon für Viele die Entdeckung ihres Lebens. Ob sich in einer Zeit reiner Freiwilligkeit noch genauso viele junge Menschen für das Freiwillige Soziale Jahr oder den neuen Bundesfreiwilligendienst finden? Die aktuellen Anmeldezahlen stimmen eher skeptisch, für sozialen Firlefanz nimmt man sich heutzutage kein Jahr Auszeit.

Was ich dir empfehle? Schau dich nach einem „zwischendurch-Jahr" um und lass den Gedanken, ob es deiner Karriere dient, ganz entspannt beiseite. Wenn andere dir einreden, du würdest ein Jahr verlieren, dann vertraue darauf, dass du ganz anderes gewinnen wirst. Such dir eine Organisation, die du mit deiner Arbeitskraft unterstützen willst. Und dann rein ins Abenteuer! Schon viele haben nach dem scheinbar verlorenen Jahr gesagt: Die beste Zeit meines Lebens!

Jesus meinte einmal sinngemäß (Matthäus 16,25f.): Wer sein Leben durchstylen will, der wird's verlieren. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er schnelle Karriere machte und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Also: Lass dich nicht verrückt machen vom Zeitdruck. Der heilige Geist ist kein eiliger Geist. Und ein soziales Jahr eine riesige Chance.

Eine erfüllte Zeit wünscht dir
dein

Wolfgang Ilg

Landesschülerpfarrer

PS: Das Evangelische Jugendwerk in Württemberg (ejw) bietet interessante Stellen für FSJ oder BFD:
www.ejw-fsj.de  

 

geschrieben am 01.07.2011 um 15:52 Uhr.
 


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