Evangelisches Jugendwerk Württemberg

27.06.2016 - Autor: Gisela Schweiker (EJW)

Lebendig gewordene Kirchengeschichte

Foto: Gisela Schweiker (EJW)

Zeitzeugen berichten beim 46. Landesposaunentag über ihre Erlebnisse vor 70 Jahren

Vor 70 Jahren fand der erste Landesposaunentag nach dem 2. Weltkrieg in Ulm statt. Sein Motto lautete „Jesus Christus herrscht als König“. Bei den „LAPO SPECIALS“ berichteten Zeitzeugen im JAM des CVJM Ulm von ihren Erlebnissen bei dieser denkwürdigen Veranstaltung.

Wie sind die Posaunenchöre vor 70 Jahren nach Ulm zum Landesposaunentag angereist? Mit dem Holzvergaser: „Sieben Scheit Holz haben grad so nach Ulm gereicht und wieder zurück“, berichtet eine Bläserin, die den ersten Landesposaunentag nach dem Krieg als Kind erlebt hat. Andere hatten weniger Glück. Auf dem Weg nach Ulm ging das Fahrzeug kaputt und die traurigen Insassen mussten zu Fuß heim ins Remstal laufen. Zum nächsten Posaunentag seien sie dann einen Tag vorher angereist - mit dem Zug.

Geschichten wie diese sprudelten nur so hervor aus den Besucherinnen und Besuchern des LAPO Special „Landesposaunentag 1946 - 70 Jahre danach“. So viele Interessierte waren ins Obergeschoss des JAM gekommen, dass selbst die nachträglich herbeigeschafften Stühle nicht ausreichten. Eingeladen waren all diejenigen, die in den Jahren nach dem Krieg dabei waren, und diejenigen, die mit diesen Zeitzeugen in Gespräch kommen wollten. Auf die Eingangsfrage von Dekan i.R. Harald Klingler, Vorsitzender des Fördervereins Posaunenarbeit im EJW und ehemaliger Leitender Referent im EJW, wer vor 70 Jahren selbst beim Landesposaunentag dabei gewesen sein, meldeten sich gut zwanzig Menschen, die entweder als Bläser oder Familienangehörige teilgenommen hatten oder aber von den Erinnerungen naher Verwandter berichten konnten.

„Jesus Christus herrscht als König“ war der Posaunentag im Jahr 1946 in der stark zerstörten Stadt Ulm überschrieben. Das Münster war eines der wenigen Gebäude in der Ulmer Innenstadt, die nicht in Trümmern lagen. Bei der Feierstunde mit dem damaligen Landesbischof Theophil Wurm sei die Kirche so voll gewesen, dass man „kaum zum Schnaufen“ gekommen sei, erzählt ein Besucher. „Aber wir waren mit Begeisterung dabei.“ Seine Predigt habe der in der Zeit des Naziregimes standhafte Bischof mit den Worten begonnen: „Seit 12 Jahren ist es mir nicht möglich gewesen, zu euch zu sprechen“.

Was dieser Neubeginn für die Bläser damals bedeutete, wird deutlich in den Erinnerungen an die traditionell zum Abschluss jedes Landesposaunentags gespielten Choräle. Nach „Nun danket alle Gott“ wird als letztes die dritte Strophe des Chorals „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ - bei den Bläsern schlicht als „Gloria“ bekannt - gespielt. Weil Papier knapp war, hatten die Posaunenchöre im Vorfeld Altpapier gesammelt, aus dem Papier für den Druck der Noten hergestellt werden konnte. In manchen Chören bekam der Leiter nur ein Exemplar dieses ersten Ulmer Sonderdrucks, die Bläser schrieben die Noten von Hand ab und lernten sie auswendig. Beim Spielen des „Gloria“ sind gestandenen Männern die Tränen heruntergelaufen, weil sie so dankbar waren, dass sie überlebt haben und nun spielen dürfen, berichtet einer, der dies miterlebt hat. „Auch heute noch bin ich dankbar, dass ich immer noch dabei sein darf. Der Ulmer Landesposaunentag bedeutet uns so viel.“

Landesbischof Frank Otfried July, der sich in der Zwischenzeit zu der Begegnung mit den Zeitzeugen gesellt hat, zeigt sich sehr beeindruckt von deren Schilderungen: „Das ist lebendig gewordene Kirchengeschichte.“


Weitere Anekdoten von den LAPO Specials
 „Landesposaunentag 1946 – 70 Jahre danach“:


Von Stuttgart fuhr bereits im Jahr 1946 ein Sonderzug zum Landesposaunentag nach Ulm. Bei jedem Halt - und davon gab es viele - hieß es „Fenster uff und nausblosa!“  Bei besonders langem Aufenthalt wurde auch mal draußen auf dem Bahnsteig ein Ständle gespielt.

Auch aus einem Dorf von der Alb reisten die Bläser mit dem Holzvergaser-Fahrzeug an. Von den Bauern wurden ihnen Körbe voll Äpfel und Birnen und zwei große Laib Brot mitgegeben für die Ulmer, die nicht so viel zu essen hatten.
 
„Auf dem Weg nach Ulm nei hen mir gsonga – und hoim gheilet (geheult)“ vor Dankbarkeit und weil es so schön war.

In den Nachkriegsjahren war es üblich, dass jeder ein Vesper mitbrachte, das vor dem Münster in großen Körben gesammelt wurde. Wer aus der Landwirtschaft (oder vom Land) kam, brachte mehr mit. Nach dem Gottesdienst wurde das Vesper an alle gleichmäßig ausgeteilt. „Eine besondere Art der Brotvermehrung“.

Ein heute 87-jähriger Bläser hat im Dezember 1945 sein erstes Instrument bekommen und war schon 1946 beim Landesposaunentag dabei. Seitdem hat er bis auf einmal an jedem Lapo teilgenommen und spielt heute noch aktiv im Posaunenchor Tuba – „des will ja niemand spielen“.

1946 und noch lange Zeit danach durften Mädchen nicht im Posaunenchor spielen. Der damalige Landesposaunenwart Hermann Mühleisen konnte zwei Dinge absolut nicht leiden: Regenschirme beim Blasen und weibliche Bläser.
Harald Klingler berichtet jedoch, dass ihm Hermann Mühleisen bei seinem Besuch zum 80. Geburtstag gestanden hat, dass sein größter Fehler gewesen sei, dass er damals der Meinung gewesen sei, Mädle hätten im Posaunenchor nichts verloren.

In Heidenheim-Schnaitheim hatte der Leiter des Posaunenchors keinen Sohn, aber vier Töchter. Als es im Posaunenchor an Bläsern mangelte, beschloss er: „Mädle, es hilft nichts, ihr müsset blosa lerna.“ So lernten die Töchter Blasinstrumente und wurden auch zum Landesposaunentag mitgenommen.

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