1. Attraktive Jugendarbeit agiert über Kirchengemeinde-Grenzen hinweg

In städtischen Räumen bewältigen Jugendliche räumliche Distanz durch den öffentlichen Nahverkehr meist sehr gut. Für attraktive Angebote (Schulen und Sportvereine mit besonderen Profilen) werden selbstverständlich auch längere Wege in Kauf genommen. Kirchengemeinde- und Stadtteilgrenzen spielen für viele Jugendliche und Erwachsene eine untergeordnete Rolle. Jugendarbeit kann und muss deshalb auch über Kirchengemeindegrenzen hinweg agieren. Sie muss sich vernetzen, um ihre Attraktivität zu erhöhen und Ressourcen zu bündeln. Mit attraktiven, übergemeindlichen, distriktorientierten Angeboten (z. B. Jugendzentren, -gemeinden, -kirchen, Jugendgottesdienste, Cafés, gemeinsamer Konfirmandenarbeit etc.) macht Jugendarbeit auf sich öffentlich aufmerksam. Sie wird so interessant und einladend, sie wirkt offen und vernetzend und sie greift damit das Lebensgefühl und die Mobilität Jugendlicher auf.

2.Evangelische Jugendarbeit ist Akteur im Sozialraum

Evangelische Jugendarbeit nimmt die Rahmenbedingungen ihres Sozialraums ernst und bezieht sich darauf. Einkommen, Familienstrukturen und vorhandene Schularten, das alles entscheidet mit darüber, welche Angebote evangelischer Jugendarbeit benötigt und nachgefragt werden, ebenso der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund, die Arbeitslosenzahlen oder auch vorhandene oder fehlende Spiel- und Freiflächen. Evangelische Jugendarbeit gestaltet den Sozialraum aktiv mit und bringt sich mit ihren Zielen dort ein. Dazu sind Absprachen mit anderen Akteuren erforderlich. Mitarbeitende der evangelischen Jugendarbeit sollten alle Berührungsängste vor anderen (kirchlichen und nichtkirchlichen) Anbietern abbauen. Es gilt Netzwerke aufzubauen und mutige Kooperationen zu wagen. Hilfreich ist eine Gesamtkonzeption für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien. Sie sollte die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen ebenso wie die vorhandenen Ressourcen berücksichtigen und Übergänge zwischen den Angeboten der unterschiedlichen Akteure erleichtern.

3. Gruppenarbeit bleibt nur, wenn sie sich weiterentwickelt

Viele Gemeinden (nicht nur im städtischen Kontext) beklagen den Rückgang an Kinder- und Jugendgruppen. Gruppenarbeit ist im Wandel. Flächendeckende Angebote im Bereich von Jungscharen und Jugendkreise werden seltener. Dafür gibt es viele Gründe wie Zeitverdichtung, demografischer Wandel, Konkurrenz etc. Deshalb fragen sich viele in der evangelischen Jugendarbeit, ob kontinuierliche Gruppenarbeit noch zeitgemäß ist. Zugleich gilt aber die Gruppe weiterhin als zentraler Lernort evangelischer Jugendarbeit. Kinder- und Jugendgruppen müssen sich deshalb weiterentwickeln. Flexible Lösungen und Gruppen auf Zeit sind nötig, Gruppen, die sich z. B. regelmäßig in größeren Abständen oder befristet in dichter Folge oder die sich gar unregelmäßig treffen. Sind zudem Gruppen denkbar, die gemeinsam Projekte vorbereiten und durchführen (Jugendmitarbeiterkreis, Traineegruppen etc.)? Wie die Freizeitarbeit ist auch Projektarbeit im Kern Gruppenarbeit. Auch in einem Projekt werden Gemeinschaft und Gruppenprozesse erlebt und ein Projekt kann der Einstieg in weiterführende Gruppen sein. Kontinuierliche Gruppen- und Projektarbeit stehen deshalb nicht in Konkurrenz zueinander.

4. Jugendarbeit in der Stadt braucht Elternarbeit

Vielen Eltern, besonders aus kirchenfernen Milieus, ist die besondere Qualität evangelischer Jugendarbeit nicht bewusst. Sie wollen die eigenen Kinder fördern, wissen aber wenig darüber, welch Segen ein „leistungsfreier“ Raum in der Jugendarbeit bedeutet und wie viel Lebenswelt-orientierte Alltagsbildung dort geschieht. Evangelische Jugendarbeit muss mehr als bisher auch Eltern von der Bedeutung und Sinnhaftigkeit ihrer Angebote überzeugen. Dazu kann z. B. auch die Zertifizierung von Bildungsinhalten dienen. Um Vertrauen und Unterstützung von Eltern zu gewinnen, ist Transparenz und Kommunikation nötig (z. B. Elternbriefe und -begegnungen, Informationen über Mitarbeiterwechsel, Darstellung von Zielen und Inhalten). Dadurch können Eltern auch zur Mitarbeit im pädagogischen Bereich oder bei der logistischen Unterstützung gewonnen werden. Die Kompetenzen und Begabungen von Eltern gilt es zu entdecken und für die Jugendarbeit zu nutzen.

5. Weniger evangelische Kinder und Jugendliche bedeutet nicht weniger Jugendarbeit

Die scheinbar einfache Gleichung, weniger Kinder, also sind weniger Ressourcen in der Kinderund Jugendarbeit notwendig, geht nicht auf. Die Herausforderungen, die sich aus einer veränderten gesellschaftlichen Zusammensetzung gerade im städtischen Kontext massiv zeigen, können nicht allein durch Ehrenamtliche bewältigt werden. Neue Kompetenzen im Blick auf Integration, Überwindung sozialer Benachteiligung und Öffnung für neue Lebenswelten und Kulturen sind nötig. Dazu benötigen ehrenamtlich Mitarbeitende mehr denn je hauptamtliche Begleitung, nicht zuletzt weil die gesellschaftlichen und innerkirchlichen Erwartungen an die Jugendarbeit steigen. Geldgebern ist auch bei zurückgehenden finanziellen Mitteln davon abzuraten, eine sogenannte „demografische Rendite“ anzustreben, indem man in der Jugendarbeit spart. Das ist wenig zukunftsweisend und verhindert, dass Jugendarbeit ihrem Verkündigungsauftrag unter schwieriger werdenden Bedingungen gerecht bleibt. Kinder und Jugendliche sind heute Kirche, nicht erst in Zukunft.

6. Engagement in der evangelischen Jugendarbeit ist vielfältiger geworden

Die Formen des Engagements haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Die Reformen des Bildungssystems (Ganztagsschule, G8, Bologna-Prozess) haben zu engeren Zeitfenstern bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen geführt. Die Bereitschaft, sich längere Zeit in derselben Organisation zu engagieren, nimmt spürbar ab. Gleichzeitig bringen immer weniger Mitarbeitende persönliche Teilnahme-Erfahrungen aus der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit mit. Die zunehmende Säkularisierung verschärft diese Herausforderungen. Evangelische Jugendarbeit muss vielfältige Engagement-Möglichkeiten (projektorientiert, befristet, zertifiziert, eventuell auch finanziell honoriert) anbieten. Das geht nicht ohne konzeptionelle Anpassungen. Dabei wird auch das Altersspektrum ehrenamtlich Engagierter breiter: Die Unterstützung durch Eltern und Jung-Senioren wird künftiger wichtiger, zugleich sinkt das Einstiegsalter von Mitarbeitenden (z. B. Konfirmandinnen und Konfirmanden). Auch die Motivation junger Mitarbeitender wird vielfältiger. Vieles schwingt gleichzeitig und nebeneinander mit: Spaß, Gemeinschaft, Selbstlosigkeit, persönlicher Glaube und die Frage „Was bringt mir das?“

7. Eine zukunftsfähige Jugendarbeit geht auf Jugendliche aus allen Lebenswelten zu.

Evangelische Jugendarbeit spricht meist durch ihre Sprache, ihre Angebotsformen und ihre Werte nur Jugendliche aus wenigen Lebenswelten und Kulturen an. Dies sind vor allem junge Menschen, die einen mittleren oder höheren Schulabschluss anstreben und die über größere finanzielle Ressourcen verfügen als viele Gleichaltrige. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen (z. B. in der offenen und schulbezogenen Jugendarbeit, Waldheimarbeit etc.). Dennoch bleiben Bildungsbenachteiligte, junge Menschen mit Behinderung und Jugendliche mit Migrationshintergrund in unseren Angeboten deutlich unterrepräsentiert. Auch Jugendliche aus postmodernen Lebenswelten finden nur selten Zugang zu den traditionellen Angeboten evangelischer Jugendarbeit. Hier sind neue Wege gefragt. Evangelische Jugendarbeit muss experimentierfreudiger werden. Warum nicht mit Künstlerinnen, Architekten, Theaterpädagoginnen, Designer, Nerds und Musikerinnen zusammenarbeiten und sich von ihnen inspirieren lassen? So eröffnen sich z. B. Zugänge zu postmodernen Lebenswelten. Jugendarbeit muss interkulturelle Kompetenzen verstärken und lebensweltsensible Konzepte entwickeln.

8. Verkündigung ereignet sich auch in Begegnungen

Der Verkündigungsauftrag ist das Besondere evangelischer Jugendarbeit (vgl. § 2,1 der Ordnung des ejw). Gleichzeitig ist er die größte inhaltliche Herausforderung. Die Säkularisierung in städtischen Lebenswelten führt dazu, dass bei Jugendlichen wie Erwachsenen die Relevanz des christlichen Glaubens abnimmt und das Wissen darüber zurückgeht. Um ihrem Auftrag gerecht zu werden, darf evangelische Jugendarbeit deshalb nicht nur auf Gelegenheiten zur Verkündigung warten, sie muss diese auch selbst schaffen. Das Leben in der Stadt ist geprägt von bewusster und verdeckter Religiosität. Jugendarbeit muss Dialogfähigkeit stärken und Begegnungsmöglichkeiten unter Jugendlichen verschiedener Mentalitäten und Religionen schaffen. Ein gelingendes Miteinander ist nur möglich, wenn Religiosität und Lebensgestaltung des Anderen respektiert wird. Vielfältige Formen von Verkündigung werden wichtiger und ergänzen sich. So sollten z. B. Jugendgottesdienste gefeiert, aber auch der Dialog mit Einzelnen gesucht werden. Dies kann gelingen, wenn Mitarbeitende der evangelischen Jugendarbeit in der Verkündigung einen besonderen Schwerpunkt ihrer Arbeit sehen, sprachfähig über den eigenen Glauben sind und Empathie und Verständnis für andere Überzeugungen zeigen.

9. Evangelische Jugendarbeit hat eine politische Funktion.

Evangelische Jugendarbeit trägt auch Verantwortung für die Lebensbedingungen aller Kinder und Jugendlicher. In diakonischer Tradition ist sie Anwalt besonders für benachteiligte junge Menschen. Sie nimmt Einfluss auf die Lebensqualität und auf die Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen in den einzelnen Stadtteilen und Quartieren indem sie Partei für Kinder und Jugendliche ergreift. Sie macht sich für die Rechte von Kindern und Jugendlichen stark. Sie mischt sich ein in die politische Diskussion und gestaltet die politische Jugendverbandsarbeit aktiv mit auf lokaler und kommunaler Ebene (Stadtjugendring, Gemeinderat, Kontakt zum Bürgermeister etc.), im Landkreis (Kreisjugendring) und auf Landesebene (Landesjugendring). Sie engagiert sich u. a. in Jugendhilfeausschüssen oder Jugendgemeinderäten. Die Diakonie als kompetenter Akteur in diesem Feld ist ein natürlicher Partner.

10. Evangelischer Jugendarbeit fehlt oft eine Gesamtkonzeption

Ein besonderer Reichtum evangelischer Kinder- und Jugendarbeit im städtischen Kontext ist die Vielfalt ihrer Angebote: Neben Gruppenarbeit, Offener Arbeit, Freizeiten, Jugendkirchen und Jugendgemeinden gibt es Jugendkantoreien, Kinderchöre, Kinderkirche, Kinderbibelwochen, ökumenische Projekte, Posaunenchöre, Sportarbeit, Ferienwaldheime, Jugendsozialarbeit etc. Doch viel zu oft ist eine „Versäulung“ der kirchlichen Angebote zu beobachten. Arbeitsfelder treten in Konkurrenz zueinander oder laufen neben einander her, ohne dass Verknüpfungen erfolgen und die Angebote für Kinder und Jugendliche durchlässig sind. Deshalb braucht evangelische Jugendarbeit eine Gesamtkonzeption, die auch die Konfirmandenarbeit und Kooperationen mit Schulen im Blick hat und die von allen Akteuren vor Ort gemeinsam erarbeitet, umgesetzt und kommuniziert wird. Auch ökumenische Kooperationen sollten in den Blick genommen werden. Dies alles mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu fördern, zu begleiten und ihnen eine angemessene christlich-biblische Sozialisation zu ermöglichen.

 

 

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