1. Evangelium zu kommunizieren ist unser Privileg, kein Pflichtprogramm.

„Das Besondere evangelischer Jugendarbeit ist ihr Verkündigungsauftrag“ (§ 2.1 der ejw-Ordnung). Das klingt gut. Aber ist die Botschaft von Jesus für eine Jugendarbeit, die nahe dran an jungen Menschen sein will, nicht manchmal eher Last und Ballast?

Das Wort vom lebendigen Gott macht evangelische Jugendarbeit erst richtig spannend. Hier schlägt ihr Herz, das ist ihr Privileg: eine lebendige Hoffnung, ein auferstandener Herr, Lebenserneuerung und Versöhnung, Geistes-Gegenwart und neue Beziehungsqualität. „Das Evangelium von Christus ist eine Gotteskraft“ (Römer 1,16). In multireligiöser Umgebung braucht evangelische Jugendarbeit Selbstbewusstsein.

Evangelium zu kommunizieren hat dann viele Facetten. Eine junge Gemeinde kann die „gute Nachricht“ buchstäblich verkörpern. Eine Jugendgruppe kann Liebe ohne Vorbedingungen praktizieren und auch Schwache annehmen „wie Christus uns angenommen hat“ (Römer 15,7). Und mit dem Einsatz für eine gerechtere Welt bringt eine Initiative Gottes Maßstäbe zur Geltung. Die Verkündigung ist in der Jugendarbeit nicht Sache einiger Spezialisten, sondern „evangelischer Breitensport“ (siehe Standpunkt 7).

 

2. Leitende in der Evangelischen Jugendarbeit rechnen mit Gottes Wirklichkeit. Sie leiten zuerst sich selber und setzen so ein Beispiel für andere.

„Geistliche Leitung“ in Gremien und Gruppen ist mehr als zu Beginn eine Andacht zu halten und am Ende ein Segensgebet zu sprechen. Wer geistlich leiten will, wird zuerst für sich selber auf Gottes Reden hören, dann mit anderen - und so gemeinsam Entscheidungen im Vertrauen auf Gott treffen. Dann steht schon am Anfang die Haltung: „Gott, wir wollen erkennen und tun, was du segnest“. Und nicht nur am Ende: „Bitte segne, was wir tun.“

Jederzeit mit Gottes Handeln zu rechnen hat Auswirkungen auf unser Leitungshandeln. Wird dies beispielhaft vorgelebt, wächst die Wahrnehmungsfähigkeit für Gottes Gegenwart auch bei Jugendlichen. Sie wollen wissen, ob Leitende auch glauben, was sie sagen und leben, was sie glauben. Durch ihr Vorbild ermutigen sie Jugendliche ihre Entscheidungen ebenfalls nach Gottes Reden auszurichten.

Dabei ist Leitung umfassend zu verstehen als jede Form von Einfluss auf das Leben anderer Menschen, auch ohne formale Titel oder Ämter. Wer auch nur Einfluss auf das Leben von zwei oder mehr Personen hat, tut gut daran, sein Leitungspotential zu entwickeln.

 

3. Wer die Einzigartigkeit jedes Jugendlichen ernst nimmt sorgt für eine Vielfalt an Glaubensäußerungen, damit viele „andocken“ können.

Jugend glaubt. Und sie glaubt so vielfältig, wie Jugend ist. Offen und verdeckt, laut und leise, mit eindeutigem theologischen Profil oder im Mix aus verschiedenen Religionen. Jugendliche glauben an sich selbst, an wichtige Dinge im Leben und vielfach auch an Gott. Versteht man Glaube umfassend als Sinnstiftung im Leben, erschließt sich eine Vielfalt an Glaubenswelten.

Der Glaube an Gott ist für viele Jugendliche keine „Eintritts-Bedingung“ für ein Engagement in der Evangelischen Jugendarbeit - zu Recht. „Open membership – christian leadership“ war seit je ein Kennzeichen der CVJM-Bewegung. Man muss nicht Christ sein, aber man kann dabei Christ werden. „Belonging“ (dazugehören) kommt vor „believing“ (glauben). Unsere Jugendarbeit sollte Spielräume bieten zum Erkunden und Ausprobieren von christlicher Spiritualität und nicht eine fromme Monokultur pflegen. Nehmen wir die Glaubens- und Lebensfragen junger Menschen ernst und bieten wir ihnen die Chance sie biblisch zu klären? Evangelische Jugendarbeit braucht eine Leidenschaft für ihr „Kernthema“ und Engagierte, die mit ihrem Glauben trotz aller Unfertigkeit und Zweifeln Vorbilder für andere sind.

 

4. Glaube wird „wetterfest“, wenn Evangelische Jugendarbeit kein abgeschottetes Biotop ist.

Dass Jugendliche irgendwann ihrem „Kinderglauben“ entwachsen und ihn zurücklassen ist gesund. Aber Studien zeigen auch, dass nicht wenige junge Erwachsene, wenn sie die „Stützgemeinschaft“ ihrer Jugendarbeit verlassen, auch ihren Glauben zurücklassen oder er Stück für Stück verkümmert. Was ist nötig, damit sie auch im neuen Umfeld Glauben leben? Wie wird er wetterfest?

Sicher nicht, wenn wir es uns im „Wohnzimmer“ unserer Gemeindehäuser und gewohnten Formen und in frommer Sprache kuschelig machen. „Wetterfest“ wird Glaube gerade durch „Outdoor“-Erfahrungen. Wenn junge Menschen z. B. erfahren, dass Gott auch an der Schule wirkt und sie dort gebrauchen kann. Wenn sie für sich selber Antworten finden auf die Fragen, die ihre nichtglaubenden Freunde stellen. Wenn unsere Jugendarbeit insgesamt „auf Sendung“ ist und nicht den „Rückzug von der Welt“ praktiziert.

Evangelische Jugendarbeit braucht Raum für ehrliches Fragen und Zweifeln. Junge Christen sollen ermutigt werden sich im eigenen Umfeld als Christen zu zeigen und dieses mitzugestalten und dabei den Dialog mit Andersdenkenden einzuüben. Dann fördern wir bei ihnen geistliche Selbstständigkeit und Lebensfähigkeit.

 

5. Die Kriterien, wann ein Jugendgottesdienst „gut“ oder „schlecht“ ist, sind oft zu wenig geklärt.

Oft wird ein Jugendgottesdienst als „gut“ klassifiziert, wenn der äußere Rahmen stimmt, genügend Besucher kommen oder er im Vergleich zu anderen in der Region besser abschneidet. Aber ist die Besucherzahl das entscheidende Kriterium? Ist ein Jugendgottesdienst schon gut, wenn wir ihn als Team gut finden? Geht es uns um „innerbetriebliche“ Veranstaltungs-Konkurrenz oder haben wir Klarheit über unsere „Qualitätsmaßstäbe“? Inhaltliche Kriterien könnten z. B. sein:

» Wir wollen ein Höchstmaß an Beteiligung erreichen. » Jugendliche sollen in unseren Jugos Gott begegnen und berührt werden. » Wir sind experimentierfreudig, gehen neue Wege – und hinterfragen auch ungeschriebene Jugo-Standards. » Wir haben eine klare Zielgruppe, orientieren uns an ihren Themen, Fragen und Medien. Wir sprechen ihre Sprache im Jugo. » Wir leben als Team, was wir verkündigen.

Durch solche klaren Leitsätze kann auch die Kernmotivation („Warum machen wir das überhaupt?“) regelmäßig neu bestimmt und erneuert werden.

 

6. Evangelische Jugendarbeit macht auskunfts- und sprachfähig in Sachen Glaube.

„Verstehst Du auch, was du da liest?“, fragt Philippus den äthiopischen Finanzminister, der einen Bibeltext in Händen hält (vgl. Apostelgeschichte 8). Diese Frage ist auch heute in der Jugendarbeit aktuell. Sollen sich religiös und geistlich mündige Jugendliche bei uns engagieren, gilt es, ihre theologische Urteilsfähigkeit zu fördern. Christlicher Glaube hat gute Gründe. Jugendarbeit setzt sich deshalb auch mit kritischen Anfragen an den Glauben auseinander. „Was antwortest du, wenn einer dir sagt, er glaube nicht an Gott, weil... ?“

Evangelische Jugendarbeit macht auskunftsfähig. Sie fördert so auch einen interreligiösen Dialog. Das geschieht durch kompetente und Gesprächspartner, deren eigene geistliche und theologische Urteilsfähigkeit gestärkt ist und die kein Frommdeutsch und keine christliche Insider-Sprache sprechen.

Wir können und sollten mit jungen Menschen einüben vom Glauben in alltagsnaher Sprache zu reden und den Kern des Evangeliums kompakt und verständlich zu vermitteln. Dabei können auch entsprechende Glaubenskurse eine Hilfe sein.

 

7. Glaube von Jugendlichen wächst, wenn Beziehungen Programm sind und Programme beziehungsorientiert.

Dem Glauben fernstehende Jugendliche lernen Gott nicht vorrangig in Jugendgottesdiensten und Programmen kennen, sondern werden neugierig durch die Beziehung zu Christen, die nicht nur über den Glauben reden, sondern ihn leben. Am Anfang einer Glaubensreise stehen Beziehung und vorgelebter Glaube. Dann fragen Jugendliche auch nach der Motivation.

Glaube wächst, wenn jungen Menschen Räume eröffnet werden, um mit Gott in Beziehung zu kommen. Bei Freizeiten, in Jugendgruppen, in Projekten und in beziehungsorientierten Angeboten kommen Jugendliche in geschütztem Rahmen durch persönliche Gespräche, Lebensgeschichten und biblische Impulse ins Gespräch über Grundfragen des Lebens. Dort können sie auch das Gespräch mit Gott erleben und einüben.

Evangelische Jugendarbeit darf sich nicht in der Organisation von Programmen verlieren. Sie wird authentische Beziehungen als wichtiges Ziel ansehen für einen wachsenden und tragfähigen Glauben bei Jugendlichen. Die persönliche Begleitung junger Menschen (z. B. in Kleingruppen, durch Mentoring und Coaching) ist dann nicht Nebensache, sondern hat Priorität.

 

8. In der Evangelischen Jugendarbeit wird das „Priestertum aller Glaubenden“ vorbildlich gelebt.

Zu den Entdeckungen der Reformatoren gehörte das „Priestertum aller Glaubenden“. Luther beobachtete: „Wo der rechtschaffene Glaube ist, da läßt der Geist dich nicht ruhen. Du brichst heraus, wirst ein Priester und lehrst andere Leute auch.“ (WA 10/3,311,27ff.).

Erzählt eine Mitarbeiterin eine biblische Geschichte oder spricht ein 16-jähriger Jugendlicher an einer Gebetsstation im Jugendgottesdienst jemand die Vergebung zu, dann wird das „Priestertum aller Glaubenden“ sehr konkret.

Viele junge Menschen lernen in der Jugendarbeit ganz natürlich dieses „Priestertum“. Übernehmen z. B. Jugendliche die Predigt im Jugendgottesdienst oder die Verkündigung auf einer Freizeit, dann setzen sie sich intensiv mit ihrem Glauben auseinander, formulieren ihre Sichtweisen. Sie sind dann unterwegs zu einem mündigen Christsein. Ein Mentoring durch Ältere ist dabei unverzichtbar, da es theologische und kommunikative Kompetenz braucht. Durch ihre Nähe zu den Fragen und zur Lebenswelt Gleichaltriger können gerade Jugendliche, die das Evangelium bezeugen und verkündigen, diese besonders intensiv berühren und herausfordern.

 

9. Jugendarbeit hilft jungen Menschen auf ihrer Glaubensreise und ermutigt sie zu eigenen Schritten.

Die Glaubensüberzeugungen von Menschen bilden sich vor allem in der Jugend heraus. In jungen Jahren werden Weichen gestellt, auch auf der spirituellen Ebene. Für die Evangelische Jugendarbeit ist das eine riesige Chance - und eine große Verantwortung gleichermaßen. Helfen wir jungen Menschen auf ihrer Glaubensreise? Haben wir einen Blick dafür? Sind wir Wegbereiter und Wegbegleiter?

Wer die Abschnitte, die Höhen und Tiefen einer Glaubensreise ernst nimmt wird biblische Texte in ihrer ganzen Vielfalt in die Jugendarbeit einbringen – und nicht nur bekannte Geschichten und Lieblingstexte.

Glauben können wir nicht machen, er ist immer ein Geschenk des Heiligen Geistes. Aber das entbindet uns nicht von unserer Verantwortung als „Reisebegleiter“. Wir können und dürfen Jugendliche zu konkreten Schritten des Glaubens ermutigen, z. B. auf Freizeiten oder in Jugendgottesdiensten. Wir sollten überlegen, wie auf die Aktion Gottes von unserer Seite eine Re-Aktion aussehen kann. Jugendliche brauchen immer wieder die Chance auf Gottes Wort konkret Ant-Wort geben zu können.

 

10. Jugendarbeit gestaltet neue geistliche Erlebnisräume. Sie ersetzen aber nicht das eigenständige Bibellesen.

Jahreslosung, Bibellese, „Start in den Tag“: Evangelische Jugendarbeit war schon immer geprägt von einer Bibellese-Kultur. Inzwischen aber haben Bibelkreise und Bibelstunden abgenommen. An die Stelle der Bibelarbeit tritt eher die gemeinsame „Feier des Glaubens“: kreative Jugendgottesdienste, Worship-Lieder, Gebetsstationen etc. Das ist Zugewinn und Verlust gleichzeitig.

Inzwischen sind zwar mit Jugendkirchen, jungen Gemeinden und monatlichen Jugendgottesdiensten neue geistliche Kristallisationspunkte gewachsen. Aber sie sind längst nicht flächendeckend. Deshalb nimmt die EJW-Resolution vom 8.5.2010 uns in die Pflicht: „Als EJW(Orte, Bezirke, Landesstelle) sorgen wir dafür, dass möglichst vielen jungen Menschen ... in räumlicher Nähe, dauerhaft und nachhaltig solche geistlichen Erfahrungsräume eröffnet werden. Diese werden von ihnen mitgestaltet.“

Mitgestaltung aber setzt Selberdenken und Selberglauben voraus. Predigthören und Konsument im Jugendgottesdienst zu sein ersetzt eigenständiges Bibellesen nicht. Kampagnen wie „Liest du mich?“ geben dazu konkrete Ideen. Wir brauchen eine gesunde Balance von beidem: geistlichen Erlebnisräumen und einer Kultur des eigenen Bibellesens.

 

 

 

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