30.09.2014 - Autor: Matthias Mergenthaler

Popularmusik wird wichtiger in der Kirche

Johannes Falk in der Tübinger Stiftskirche (C) HKM Tübingen

Vom 25.-28. September 2014 lud die Hochschule für Kirchenmusik nach Tübingen zum Kongress „Popularmusik und Kirche“ ein.

130 Teilnehmende, darunter haupt- und ehrenamtliche Kirchenmusiker, Pfarrer und Entscheidungsträger aus dem gesamten Bundesgebiet, genossen in diesen Tagen praktische Workshops, Vorträge, Podien und Konzerte. Mit dem Arbeitsbereich musikplus war das Evang. Jugendwerk in Württemberg als Kooperationspartner am Kongress beteiligt.

Bei den Konzerten am Abend begegneten sich christliche und weltliche Künstler. Der Songwriter Johannes Falk und seine Band teilten sich den Abend mit Glasperlenspiel, der LAKI-PopChor unter der Leitung von KMD Hans-Martin Sauter (EJW) gab ein Konzert mit dem Jazz-Chor aus Freiburg und Roger Treece. Die Jazzmusiker Michel Godard, Patrick Bebelaar und Frank Kroll spielten auf derselben Bühne wie Brass Connection unter der Leitung von Matthias Schnabel.

„Das Besondere an dem Kongress war neben den thematischen Impulsen das gute Miteinander und die wertvollen Begegnungen auf Augenhöhe“. Das war von vielen Teilnehmenden zu hören. Besonders in Württemberg hatte das Thema Popularmusik in der Vergangenheit in kirchenmusikalischen Kreisen schon manche Gemüter erhitzt und Fronten aufgebaut. In Tübingen war die Atmosphäre deutlich anders: ein verständnisvolles Miteinander von unterschiedlichen Musikern und ein spürbar ernsthaftes Interesse, Popularmusik in der Kirche auszubauen. Dazu beigetragen haben sicherlich die Podien, die neben Vertretern der Kirchenmusik auch mit Praktikern aus der weltlichen und christlichen Popularmusikszene besetzt waren.

Einige sinngemäß mitgeschriebene Statements sollen diese Stimmung nachwirken lassen.

Geistliche Grundhaltung bei allem Musizieren notwendig
An verschiedenen Stellen des Kongresses wurde deutlich, dass die geistliche Grundhaltung wesentlich entscheidender ist als die Stil-Frage. Mit diesem Impuls eröffnete der Songwriter und Lobpreis-Musiker Albert Frey seinen Workshop.

  • Wir sollten unseren Glauben ausdrücken mit Stilmitteln der heutigen Zeit (KMD Prof. Matthias Nagel)
  • „I dont like church culture but I love Jesus Christ. Where does a person like me go to church? I think we need to first love Christ and than the questions concerning church music will fall into place.“ (Roger Treece beim Konzert)
  • Es geht nicht darum, dass alles professionell gemacht ist. Die Gemeinde sollte beteiligt sein. Man sollte das Gefühl haben, dass man Gemeinde und den heiligen Geist erlebt. (Florian Sitzmann)

Popularmusik ist nicht gleich Popularmusik
Die Schwierigkeit in der Diskussion sind immer wieder unterschiedliche Bilder, mit denen der weite Begriff der Popularmusik gefüllt wird. Für manche sind das Bands und Musikteams, andere verstehen darunter Jazz, wieder andere denken an amerikanische Worship-Songs und dann ist da auch noch die Gospelbewegung und viele andere. Noch schwieriger wird das Verständnis, wenn man selbst in einer anderen stilistischen Kultur aufgewachsen ist. Schön ist, dass die Frage nach der stilistischen Breite in unserer Kirche nicht mehr als Grundsatzfrage geführt wird.

  • Nicht-Popularmusiker erfassen oft die Fülle der Popularmusik nicht. (Christoph Zehendner)
  • Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen dem Klischee-Popmusiker und dem individuellen, der etwas auszulösen vermag, was berührt. (KMD Prof. Dr. Christoph Bossert)
  • Grabenkampf zwischen „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“ sollten aufhören. (Florian Sitzmann)
  • Es kann nicht nur zwischen Klassik und Pop unterschieden werden. Wenn die Kirche sich spezifiziert, muss es noch viel mehr Welten geben. (LKMD Prof. Dr. Gunter Kennel)

Bei der Ausbildung hauptberuflicher Popularmusiker sind noch einige strukturelle Fragen offen
Uneinigkeit herrscht noch bei der Frage, ob die Kirche Spezialisten oder Generalisten für die Kirchenmusik ausilden sollte. Im Moment gibt es nur popularmusikalische Studiengänge, die im Grundstudium einen wesentlichen Anteil der klassischen Kirchenmusik absolvieren müssen. Auch die Aufnahmeprüfung verlangt dieselben Voraussetzungen wie die klassischen Ausbildungswege. In Folge dessen gehen gute Popularmusiker eher an säkulare Hochschulen zum Studium.

  • Mit einem anderen Studiengang würde man auch Studenten aus anderen Schichten erreichen. (Prof. Christoph Zschunke)
  • Im Programm des Kongresses sind mindestens 3 Personen, die alle an der Popakademie Mannheim studiert haben, die aber alle aus der Kirche kommen. (Prof. Udo Dahmen)
  • Ich hätte an einer Kirchenmusikhochschule studiert, wenn es den Studiengang gegeben hätte. Ich bin nach Australien gegangen, weil es das in Deutschland nicht gab. (Sara Lorenz)
  • Ein Hauptfach Pop in der klassischen Ausbildung funktioniert nicht. Hauptfächer sind Chorleitung, Gesang, Improvisation usw. Man kann eine Identität nicht über ein weiteres Hauptfach vermitteln. (Prof. Christoph Zschunke)
  • Anstatt der aktuellen Y-Aufnahmeprüfung (eine Prüfung für zwei Stilrichtungen) müsste es ein X-Modell geben (unterschiedliche Prüfungen für unterschiedliche Stile, die sich aber dennoch im Studium begegnen) (Prof. Christoph Zschunke)
  • Im Moment haben wir eine Lastigkeit zu dem, in dessen Leben sich „die Orgel gemeldet hat“. Für die anderen gibt es den passenden Schuh noch nicht. (KMD Prof. Dr. Christoph Bossert)
  • Wir sitzen hier, weil wir eine Reform in Gang bringen wollen. (Prof. Udo Dahmen)
  • In einer Musikwelt, die sich so schnell verändert, können wir in der Kirche nicht länger einen Stil kultivieren. (Sara Lorenz)

Die Anstellungsmöglichkeiten für Popularmusiker müssen attraktiver werden
Neben der Ausbildung ist auch die Frage nach der Anstellung ein zentrales Thema der Diskussionen. Aus der Schieflage der Vergangenheit ist die stilistische Vielfalt heute in den Stellenausschreibungen bisher nur ansatzweise sichtbar. Die Ideen reichen weit: von Teilaufträgen bis hin zur Vernetzung mit den Kulturschaffenden vor Ort. 

  • Die Kirche sollte gut ausgebildeten Popularmusikern Stellen anbieten, die sie nicht ablehnen können. (Christoph Zehendner)
  • Die Professoren haben früher das Thema aus Desinteresse ausgeklammert. Das Vakuum existiert heute noch. (KMD Prof. Matthias Nagel)
  • Kirche kann Arbeitgeber sein – auch für säkulare Musiker. (KMD Wolfgang Teichmann)

Es braucht auch für gute Popularmusik Ressourcen in den Gemeinden
Popularmusik braucht Instrumente und Technik. Ältere Gemeindeglieder sagen nicht: "Popularmusik ist schlecht", sie ist oftmals einfach zu laut. Die Anschaffung von passendem Equipment wird leider aufgrund von fehlenden Mitteln oder fehlendem Verständnis oft unmöglich. Es sollte ein Fond geben, der nach Beratung finanzielle Zuschüsse für Neuausstattungen ermöglicht.

  • Es ist ein Schmarrn, wenn man sagt, die Alten wollen die Popularmusik nicht. Die waren zur Zeit der Beatles jung. (LKMD Bernhard Reich)
  • Wir führen keine Grabenkämpfe mehr, aber vielleicht sollten wir mal einen Preisvergleich durchführen. (KMD Wolfgang Teichmann) 

 

Überblick über die Podien: 

Podium 1: Popularmusik und Kirche heute
Moderator: Christoph Schweizer (Medienpfarrer des Evangelischen Kirchenkreises Stuttgart) 

 

  • KMD Prof. Matthias Nagel (Kirchenmusiker, Landesposaunenwart, Dozent für kirchliche Popularmusik an der Hochschule für Kirchenmusik in Herford)
  • LKMD Bernhard Reich (Landeskirchenmusikdirektor der Ev. Landeskirche Württemberg)
  • KMD Wolfgang Teichmann (Michaeliskloster Hildesheim, Geschäftsführer der Initiative Jazz-Rock-Pop in der Kirche e.V.)
  • Christoph Zehendner (Christlicher Liedermacher, Theologe, Journalist, Moderator)

Podium 2: Was sind "gute" Texte?
Moderator: Christoph Zehendner (Christlicher Liedermacher, Theologe, Journalist, Moderator)

  • KMD Prof. Hans-Peter Braun (Musikdirektor am Ev. Stift Tübingen, Kirchenmusiker, Hochschuldozent, Komponist)
  • Masen Abou-Dakn (Liedermacher, Songtexter, Autor und Dozent, Popakademie Mannheim)
  • Albert Frey (Christlicher Singer-Songwriter, Musikproduzent)
  • Hartmut Handt (Theologe, ehem. Bundeswart im Christlicher Sängerbund, Autor, Herausgeber, Leiter einer privaten Rundfunkagentur)

Podium 3: Pop-Kirchenmusiker als Spezialisten oder als "Allrounder"? Anfragen an die Ausbildung und die Anstellungsträger
Moderator: LKMD Kord Michaelis (Landeskirchenmusikdirektor in der Ev. Landeskirche Baden, Präsident der Direktorenkonferenz Kirchenmusik der EKD)

  • KMD Prof.Dr. Christoph Bossert (Musikhochschule Würzburg, Organist und Komponist)
  • Prof. Udo Dahmen (Geschäftsführer und Künstlerischer Direktor der Popakademie Mannheim, Schlagzeuger)
  • Sara Lorenz (Sängerin und Songwriterin von christlicher Popmusik, Absolventin des Hillsong International Leadership College in Sydney)
  • Christoph Zschunke (Chorleiter im Gospel- wie im klassischen Bereich, ehem. Dozent für Chorleitung an der MHS Düsseldorf)

Podium 4: Quo vadis…? - Zur Zukunft der Kirchlichen Popularmusik
Moderatorin: Ursula Nusser (SWR)

  • Prof. Dr. Jochen Arnold (Direktor des Michaeliskloster Hildesheim, Theologe, Kirchenmusiker)
  • Steffen Kaupp (Pfarrer und Projektreferent im Evangelischen Jugendwerk der Landeskirche Württemberg)
  • LKMD Prof. Dr. Gunter Kennel (Landeskirchenmusikdirektor der Ev. Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, ehem. Präsident der Direktorenkonferenz Kirchenmusik der EKD)
  • Florian Sitzmann (Keyboarder, Arrangeur, Songwriter und Produzent, u.a. "Söhne Mannheims")

 

Weitere Beiträge:

Video-Bericht auf kirchenfernsehen.de

Bericht in der SWR-Landesschau (9:35-11:00)

SWR-Interview mit Pfr. Michl Krimmer (EJW) zum Workshop "Smartphones und Tablets in der Kirchenmusik"

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