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„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ – die Auswirkungen dieser Überzeugung begegnen uns tagtäglich. Auf den Wahlplakaten der Parteien werden die Bilder größer und die Worte weniger. Die Nachrichten im Fernsehen setzen auf „Infotainment“ und unterlegen jede wichtige Mitteilung mit bewegten Bildern. Bei den Jahresrückblicken werden die „Bilder des Jahres“ zusammengestellt, um auf ein Jahr zurückzublicken. Wo wir sitzen, stehen, gehen oder fahren werden wir mit Bildern konfrontiert.
„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ – doch was sagt ein Bild? Die Botschaft eines Bildes ist bedeutend schwerer zu entschlüsseln als die Botschaft eines Textes. Menschen sind „Augenwesen“ und nehmen 80 % der Informationen über das Sehen auf. Das führt dazu, dass wir im Unterbewussten fest davon überzeugt sind, ein Bild oder ein Film würde die Wirklichkeit wahrheitsgemäß abbilden. Diese Grundüberzeugung macht uns anfällig für Manipulation. Wenn ich versuche, Werbespots und Wahlplakate zu interpretieren, merke ich wie vielfältig die Botschaften sind, die hier transportiert werden. Und ich ärgere mich darüber, dass hier unterschwellig versucht wird, meine Entscheidung in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen. Damit ich mich dieser unterbewussten Beeinflussung entziehen kann und mich als mündiger Bürger in unserer Gesellschaft bewegen kann, brauche ich Medienkompetenz. Bilder, Fotografien, Filme entschlüsseln und interpretieren zu können, ist eine Schlüsselkompetenz für eine funktionierende Demokratie.
Dazu gehört das Wissen um die Begrenztheit von Bildern. Ich versuche, mir das immer wieder ins Bewusstsein zu rufen: Fotos und Videomitschnitte bilden nur einen bestimmten Ausschnitt ab. Der Fotograf oder Kameramann hat das eine ins Bild gesetzt und anderes weggelassen. Aus den vielen Bildern, die gemacht wurden, um ein Ereignis zu dokumentieren, werden schließlich einige wenige ausgesucht. Bei der Weiterverarbeitung kommen weitere Möglichkeiten der Gestaltung oder Manipulation ins Spiel.
Im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg haben wir uns als Ziel gesetzt, junge Menschen zur Übernahme von Verantwortung zu befähigen. Dazu gehört auch, dass wir uns gemeinsam mit anderen Bildungsträgern der Herausforderung stellen, Medienkompetenz zu entwickeln und zu stärken. Mehr und mehr gehen wir in der Jugendarbeit dazu über, eigene Kurzvideos zu drehen, um auf Veranstaltungen hinzuweisen oder darüber zu berichten. Hier erleben alle Beteiligten, was es heißt, ein Drehbuch zu schreiben, durch die Kameraführung bestimmte Inhalte ins Bild zu setzen und andere wegzulassen, aus vorhandenem Bildmaterial auszuwählen und Unerwünschtes mit dem Bildverarbeitungsprogramm am PC wegzuretuschieren. Bei der aktiven Beschäftigung mit dem Medium Bild und Film entsteht fast beiläufig ein Wissen um die Begrenztheit von Bildern und um die Möglichkeiten der Beeinflussung.
Zu einem bewussten Umgang mit Bildern und Filmen gehört auch die Auswahl: Was will ich sehen und was will ich nicht sehen? Auch hier ist ein kompetenter Umgang mit den Angeboten der Mediengesellschaft gefragt. Wer sich nicht begrenzt, kann untergehen in der Bilderflut. Seit Jahren begleitet mich eine Gesangbuchstrophe, die auf eine geheimnisvolle Weise diesen Zusammenhang anspricht: „Leiden sammelt unsre Sinne, dass die Seele nicht zerrinne in den Bildern dieser Welt.“ Der Dichter, Karl Friedrich Hartmann, lebte von 1743 bis 1815. Fast prophetisch wirken seine Worte, wenn man sich vorstellt, wie die Flut der Bilder in der Zwischenzeit angestiegen ist. Albrecht Goes schreibt dazu: „Wir kennen sie, die „Bilder dieser Welt“: die Bilder eines einzigen Lebenstags, die sich am Abend in der Dunkelkammer unsres Bewusstseins aufschichten, die sich, ohne unser Zutun vielleicht, dort entwickeln und die dann im Wachen und Träumen ein Stück unserer Seele an sich reißen, das innere Gefüge unsres Lebens verwirrend.“ (Albrecht Goes, Vierfalt, Frankfurt a.M. 1993, S. 186)
Ich möchte sensibel werden für das, was ich meiner Seele zumuten kann. Was schichte ich noch schnell in die Dunkelkammer meines Bewusstseins, bevor ich zu Bett gehe? Muss ich nach einem vollen Arbeitstag noch den Fernseher einschalten, um das Neueste vom Tag zu erfahren? Muss ich noch schnell vor dem Ausschalten die Programme durchzappen, um festzustellen, ob irgendetwas Interessantes dabei ist?
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – ja, so ist es wohl. Und gerade deshalb will ich mit anderen gemeinsam lernen, Bilder zu interpretieren und ihren Einfluss zu begrenzen.
Gottfried Heinzmann
Leiter des ejw
Vorwort aus dem UnterUns 6-2009
Mehr dazu und pdf-Datei zum Download
Webcode 216gh56
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