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Gottfried Heinzmann
An das Ende von zwei Studientagen am 4. und 5. Oktober 2011 unter dem Thema „Gesellschaft und Verkündigung im Wandel" möchte ich einen Text vom Ende des Matthäusevangeliums stellen: Matthäus 28,16-20:
Mut zur Verkündigung

„Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder"

Ganz am Ende - scheint alles klar zu sein.
Die Jünger hatten zwar einiges mitgemacht mit Jesus, Gefangennahme, Verurteilung, Kreuzigung. Doch dann kam ja die Auferstehung. Sie haben es mit eigenen Augen gesehen. Sie haben mit dem auferstandenen Jesus geredet. Er hat mit ihnen Fisch und Brot gegessen. Er ist vielen Jüngern begegnet, Paulus redet von 500 Brüdern auf einmal.
Ganz am Ende - könnte doch eigentlich alles klar sein. Und doch machen einige nicht mit. Wie sie das gezeigt haben, können wir nur vermuten. Auf jeden Fall haben die anderen gemerkt - bei denen sperrt sich irgendetwas. Die können nicht einfach vor Jesus niederfallen und ihn anbeten.
Bei Matthäus steht der kleine Satz „einige aber zweifelten".
Am Kreuz waren mit Jesus auch alle Hoffnungen der Jünger gestorben, ihr Vertrauen, ihr Glaube, ihre Vorstellungen von der persönlichen Zukunft und ihre große Vision vom Reich Gottes.
Doch dann kam ja die Auferstehung. Völlig überraschend - unvorhersehbar. Eigentlich waren sie doch überm Berg. Der große Showdown steht an... Kurz bevor er zu seinem Vater zurückkehrt versammelt Jesus seine Jünger. Er steht vor ihnen und zeigt damit: Ich bin auferstanden. Ich bin da. Hier bei euch. Und doch können einige nicht mit.

„Einige aber zweifelten."
Mir ist dieser kleine Satz eingefallen, als ich mir überlegt habe, was hier am Ende gesagt werden könnte. „Einige aber zweifelten" - das kommt meiner persönlichen Gefühlslage ziemlich nahe.
Wenn ich von den ganzen gesellschaftlichen Veränderungen höre, habe ich manchmal den Eindruck, hier überrollt mich irgendetwas.
Wenn ich versuche zu erfassen, was das für mich persönlich und für die Jugendarbeit bedeuten könnte, habe ich den Eindruck, das ist wie Hase und Igel spielen. Wenn ich mit heraushängender Zunge bei der einen Veränderung angekommen bin, steht die nächste und die übernächste an.
Wenn ich spüre, dass der Glaube an Jesus Christus, der mir persönlich viel bedeutet, für andere Anlass zum Spott oder zu aggressiver Ablehnung ist, wird mir irgendwie mulmig.

„Einige aber zweifelten" - ich wäre wohl bei diesen Zweiflern gewesen. Interessant ist, dass Jesus dann seine Jüngern nicht in zwei Gruppen einteilt. Hier diejenigen, die keine Probleme mit dem Glauben haben und dort diejenigen, die sich schwer tun.
Jesus sortiert die Zweifler nicht aus. Vielmehr gibt er allen Jüngern denselben Auftrag und dieselbe Verheißung. Jesus sagt: „Geht hin! - Ich bin bei euch!"
Es gäbe sicherlich manches zu sagen zum so genannten Missionsbefehl. Ich möchte zwei eher grundsätzliche Bemerkungen machen.

1. Das Evangelium ist und bleibt das Evangelium von Jesus Christus.
Es ist nicht mein Evangelium, das ich zu den Leuten tragen muss. Es ist nicht meine Sache, von der ich Jugendliche überzeugen muss. Es ist nicht meine Botschaft, die ich jemand möglichst unterhaltsam, spannend, tiefgründig und wissenschaftlich reflektiert darbieten muss.
Manchmal stehe ich in der Gefahr, das zu denken. In Diskussionen um Evangeliumsverkündigung in der heutigen Gesellschaft fällt immer auch der Begriff der „Relevanz".
Diesen Begriff finde ich in diesem Zusammenhang durchaus spannend. Ich wünsche mir, dass Menschen den christlichen Glauben als relevant für sich entdecken. Ich wünsche mir, dass eine Predigt, eine Andacht usw. relevant, also bedeutsam und wichtig für jemand wird.
Ich höre aber auch manchmal heraus: Ich muss das Evangelium so verkündigen, dass es für andere „relevant" - also bedeutsam wird. Ich muss so leben und glauben, dass der christliche Glaube für andere „relevant" - also wichtig wird.
Ich halte es für notwendig, dass wir an solchen Stellen immer einen Schritt zurücktreten und wahrnehmen: Es ist nicht mein Evangelium, sondern das Evangelium von Jesus Christus, das ich verkündige. Ich versuche dieses Evangelium so gut ich kann weiterzusagen. Doch es ist und bleibt seine Sache, dass das Gesagte für jemand relevant, bedeutsam und lebensverändernd wird.
Wenn das dann geschieht, kann ich daneben stehen und mich freuen. Kann darüber staunen, dass Gott wirkt ohne mich und manchmal auch durch mich.

2. Es ist und bleibt unsere Sache, hinzugehen und das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen.
Wir haben vieles gehört über eine sich verändernde Gesellschaft. Über Herausforderungen der Verkündigung. Über neue Möglichkeiten. Über andere Milieus und Kulturen. Über milieusensible und ganzheitliche Verkündigung.
Der Auftrag ist scheint klar zu sein. Wir kennen das. Aus unserer eigenen Glaubensbiografie, aus der Ausbildung, aus der Ordnung des ejw, usw.
„Das Besondere der evangelischen Jugendarbeit besteht in ihrem Verkündigungsauftrag."

Ich nehme wahr, dass diese scheinbare Selbstverständlichkeit an vielen Stellen hinterfragt wird. Der Verkündigungsauftrag wird von außen hinterfragt:
• Wie ist das mit dem Verkündigungsauftrag, wenn wir mit einer kommunalen Beauftragung unterwegs sind? Im Jugendhaus, in der Schule...
Er wird aber auch von innen hinterfragt:
• Wie ist das mit dem Verkündigungsauftrag, wenn andere Aufgaben immer mehr werden. Dort eine Sitzung, hier noch ein Vernetzungstreffen, da noch schnell etwas organisieren, hier noch einen Rundbrief usw.?
• Wie ist das mit dem Verkündigungsauftrag, wenn es eigentlich niemanden mehr interessiert? Wenn die Andacht in der Jugendgruppe, im BAK, auf einer Freizeit als lästige Pflicht abgehakt wird?
Wie so oft, stellt sich auch an dieser Stelle die Frage: Lebe ich, was ich glaube? Setze ich das in die Tat um, wovon ich überzeugt bin?
Wenn wir davon überzeugt sind, dass das Evangelium von Jesus Christus die wichtigste Botschaft der Welt ist, müssen wir auch etwas dafür investieren.
Wenn wir davon überzeugt sind, dass einem Kind, einem Jugendlichen, einem jungen Erwachsenen nichts besseres passieren kann, als an diesen Herrn Jesus Christus zu glauben, müssen wir uns Zeit für die Verkündigung des Evangeliums nehmen.

Verkündigung des Evangeliums braucht Freiräume:
Freiräume, die nicht durch Tagesgeschäft angefüllt sind.
Freiräume, in denen ich einem neuen Begriff nachdenken kann.
Freiräume, in denen ich mal eine neue theologische Spur in der Verkündigung entwickeln kann.
Keine Frage - wir brauchen auch Aktion und Organisation. Doch wir müssen darum ringen, dass sich Organisation und Aktion nicht verselbständigen. Warum tun wir das Ganze? Warum treiben wir Jugendarbeit?
Weil wir jungen Menschen in ihren Lebenswelten begegnen wollen, um sie zu einem eigenen Glauben an Jesus Christus einzuladen. In dieser Glaubens- und Lebensbeziehung zu Jesus finden sie Orientierung für ihr Leben, Lebenswerte, nach denen sie ihr Leben ausrichten können.
Wenn uns das wichtig ist, müssen wir Freiräume dafür schaffen.

• Freiräume in unseren Terminkalendern, damit wir selbst vom Evangelium berührt werden, neue Aspekte entdecken.
• Freiräume in unseren Gruppenstunden, Freizeiten und Seminaren. Damit das Evangelium Raum zur Entfaltung hat.

„Geht hin!", sagt Jesus. Weil er nicht ohne uns und nicht ohne die jungen Menschen sein will, gibt er diesen Auftrag. Wir sollen und müssen wir das jedoch nicht ohne den Auftraggeber tun.
Am Ende des Matthäusevangeliums steht deshalb keine Aufforderung, sondern eine Zusage:

Jesus sagt: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Diese Zusage soll auch am Ende der Studientage stehen: Ich bin bei euch alle Tage.

Jesus verspricht:
Ich bin bei dir.
Wenn du zu Hause am Schreibtisch sitzt
und mühsam nach einer Idee suchst.
Ich bin bei dir.
Wenn du im Gespräch mit Jugendlichen bist
und dich fragst, wie Jesus für sie relevant werden könnte.
Ich bin bei dir.
Wenn du gefangen in vielerlei Zwängen
nach Freiräumen für die Verkündigung suchst.
Ich bin bei dir alle Tage.

Wenn du mein Wort verkündigst,
mein Evangelium ins Gespräch bringst, gilt die Verheißung:
Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt
und nicht wieder dahin zurückkehrt,
sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar
und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen,
so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein:
Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen,
sondern wird tun, was mir gefällt,
und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Deshalb geht als Gesegnete und Gesandte.
AMEN

Gottfried Heinzmann, Leiter des ejw

geschrieben am 05.10.2011 um 20:09 Uhr.
 


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