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Was ist die ursprüngliche Lesart: Frohsinn oder Wohlstand? Und woher kommt die Abweichung? Meine These ist: Am Beispiel dieses Kanons zeigt sich das gespaltene Verhältnis der Christen zum wirtschaftlichen Erfolg.
In der Textkritik gilt die Regel: lectio difficilior lectio probabilior, die schwierigere Lesart ist die wahrscheinlichere. Welche Abwandlung läßt sich plausibler machen: die von Wohlstand zu Frohsinn oder umgekehrt? Der Kanon wünscht Glück und Segen. Beides bezieht sich im allgemeinen auf handgreifliche, materielle Dinge. Segen meint Lebensfülle. Gesundheit paßt dazu, noch mehr aber Wohlstand. Frohsinn hingegen ist der Wechsel auf ein anderes Feld, das der geistigen Einstellung zum Leben und zur Welt. Ich vermute: Die Lesart "Frohsinn" ist sekundär. Sie ist eine Spiritualisierung. Sie verdankt sich dem Mißtrauen, gerade dem christlichen Mißtrauen, gegenüber dem "äußerlichen" Lebensglück.
Diese Vermutung wird gestützt von einer weiteren Variante des Kanons. Manche singen ihn so: "Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, ein fröhliches Herze, das schenke dir Gott." Jetzt fehlt das äußerliche Lebensglück ganz. Dafür wird Gott ausdrücklich genannt. Offenbar war es einem frommen Gemüt schwer erträglich, den Geber aller guten Gaben des Lebens zu verschweigen.
Aber es muß nicht bei Vermutungen über die ursprüngliche Lesart bleiben. Der früheste Abdruck des Kanons, den ich mit fachkundiger Hilfe gefunden habe, stammt von 1934. Im "Jungbrunnen", einem "Liederbuch für Schule und Leben" (hg. v. Adolf Seifert), heißt der Text des Kanons in der Tat: "Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei." Die Melodie stammt im übrigen von Werner Gneist aus dem Jahr 1930.
Sicher wird man sich davor hüten müssen, die Textgeschichte eines kleinen, eher unbedeutenden Kanons überzuinterpretieren. Es gibt auch eine positive Beziehung zwischen Christentum und Wohlstand, berühmt gemacht durch Max Webers Untersuchung über "protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus". Aber es läßt sich auch nicht leugnen, daß viele Christen ein gebrochenes Verhältnis zum wirtschaftlichen Erfolg haben und nur mit schlechtem Gewissen Wohlstand erwerben und genießen. Das ist im Ursprung des christlichen Glaubens angelegt. Die Bibel ist voll von Warnungen vor dem Reichtum, bis hin zu Jesu scharfem Satz: "Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird an dem einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" (Matthäus 6,24). Und in der Geschichte vom reichen Jüngling sagt Jesus ganz in diesem Sinne: "Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme" (Matthäus 19,23f).
Die Lebenserfahrung bestätigt die Warnung Jesu. Wohlstand kann zum Götzen werden, im persönlichen Leben ebenso wie in der Politik und im Geist einer ganzen Zeit. Und doch: Das ist nicht unausweichlich. Es gibt einen nüchternen, einen klugen Umgang mit dem Wohlstand - in dem Sinne von "haben, als hätte man nicht". Auch für den Wohlstand gilt ja Luthers Grundsatz: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan" und zugleich in Nächstenliebe und Übernahme von Verantwortung "ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan".
Es gab Perioden, in denen die evangelische Kirche ein entspannteres, gewissermaßen natürlicheres Verhältnis zum Wohlstand bewahrt hatte. Im "Katechismus der christlichen Lehre" des Königreichs Hannover aus dem Jahr 1790 wird - wie in den meisten anderen Katechismen, die vom Geist der Aufklärung geprägt sind - den materiellen Dingen des Lebens, unter der Überschrift "Vom pflichtmäßigen Verhalten gegen uns selbst" und "Vom pflichtmäßigen Verhalten gegen den Nächsten", die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Da wird z.B. die Frage, warum wir unserem leiblichen Leben Sorge schuldig sind, so beantwortet: "Weil Gott es uns gegeben hat, unsere eigene und unserer Nebenmenschen Wohlfahrt zu befördern", und diese Antwort wird unterstützt durch den Hinweis auf 1. Petrus 4,10: "Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes".
Nichts gegen Frohsinn, nicht einmal rheinischen Karnevals-Frohsinn. Aber beim nächsten Geburtstagsständchen nicht vergessen: "Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei"!
Hermann Barth
Übrigens - hier unten im Kommentarfeld könnte man ein paar Geburtstagswünsche eintragen. Manchmal findet man doch so gute, grriffige, ermutigende und wegweisende Formulierungen. Danke - wäre klasse, wenn das ein bisschen wachsen könnte.
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