Sie sind hier: TEN SING : Aktuelles

Aktuelles

TEN SING woanders

"Mama, Papa, ich lass mich taufen."

Eine TEN SINGerin berichtet auf NEON.de über ihre Taufe

Die Gabel meiner Mutter fällt laut klirrend auf den Tellerrand.

Ich wusste, dass das 'ne Sekte ist!!!"
"Mama..."
"Ich hab noch gesagt: 'Das Kind wird da in irgendwas reingezogen..."
"MAMA!"
"Wie bei...hier...Scientology!!!"
"M-A-M-A! Papa, jetzt sag doch auch mal was!"
"Schatz, jetzt...also...lass sie doch erstmal erzählen..."

Erzogen wurde ich in einem strikt atheistischen Haushalt. Mama ist in der DDR-"Religion ist Opiums für's Volk"-Ideologie aufgewachsen, Papa stammt aus einer protestantischen Westfamilie - und ist aus der Kirche ausgetreten. Das hat sie nicht gehindert, mich an ein katholisches Gymnasium zu geben, aber nur, weil es a) das beste war und b) die Ausübung der Religion an der Schule abgesehen von den freiwilligen Schulgottesdiensten doch sehr niedrig war.

Ich habe schon immer den Ethikunterricht besucht und auch wenn ich die Geschichten um Gott, Jesus und die Bibel immer spannend fand, hatte ich nie einen richtigen Draht zu "sowas".
Mit 13, HIM-hörender, schwarz gekleideter, trauriger Teenager der ich war, hatte sich das nicht wirklich geändert. Meine ganze Jugend war ein einziges Chaos, Mama und Papa verzweifelt, ich todunglücklich. Irgendwann fing ich mich und begann gleichzeitig einem Jugendprojekt (TEN SING, wer's kennt...) im CVJM (ja, das ist der deutsche YMCA; den die lustig gekleideten Männer besingen) zu folgen. Es ging um Musik, Theater, Show - aber es gab auch vor den Konzerten gemeinsame "Andachten", Gebete etc. Da war nie irgendwas gezwungen, ich wusste aber immer, dass ich jedem alle Fragen stellen konnte. Und davon hatte ich viele!

Zum Glück bin ich auf Menschen gestoßen, die sie mir beantwortet haben. Ohne Lügen, ohne Übertreiben, ohne Bibel sogar. Und nach und nach fühlte ich eine Veränderung in mir.
Ich überspringe die Erfahrung, die mich letztendlich zur Christin gemacht hat, weil das echt zu persönlich war, aber seit dem Zeitpunkt wusste ich für mich, dass es einen Gott gibt. Mir war der Name nie wichtig. Allah, Gott, David Bowie - jedem das seine. Und zur Kirche wollte ich auch nicht gehören. Katholisch? Neeeeeeeeeeee...Evangelisch? Hm. Wozu?


Was ich allerdings wollte, war, eine Art Statement abzugeben. Beweisen, dass ich es nach all den vielen verschiedenen beschrittenen Wegen meines jungen Lebens ernst meinte. Und dann fiel mir die Taufe duch Johannes im Jordan ein. (Jetzt muss ich lächeln, weil meine endgültige Taufe eigentlich nichts damit zu tun hatte) Ich wollte eine Ganzkörpertaufe. Und ich wollte es vor meinen Freunden aus dem CVJM machen und nicht in einer Kirche.

Zum selben Zeitpunkt liefen die Vorbereitungen für das "Jesus Jam", ein Art christliches Festival, auf dem ein Haufen cooler Bands auftreten, es gemeinsame (extrem moderne) Gottesdienste gibt und zudem jedes Jahr viele Jugendliche kommen. TEN SING plante einen Auftritt und Benny, der Verantwortliche, meinte irgendwann: Sag mal, und wenn wir es da machen?
Genial.

Der Pfarrer meiner Nachbargemeinde ist total gut drauf und sofort bereit, die Taufe von mir und einem anderen Jungen dort durchzuführen. Taufpate wird Simon, mein zu der Zeit bester Freund und Mentor.
Ich erzähle es meinen Eltern, und für meine Mutter steht außer Frage, sich auf ein Festival mit "lauter Dreads tragenden, hippie-mäßigen, betenden Kids" zu begeben. Ich bin darüber traurig, denn auch meinen Eltern möchte ich nach all dem Krach zeigen, dass ich es besser machen will.
Eine Woche vor dem Festival sagt Mama: So, und was ziehst du jetzt zu der ganzen Sache an? - Na, ähm, ein äh weißes Kleid, schätze ich. - Aha, und schonmal drüber nachgedacht, was mit nasser weißer Kleidung geschieht? Ja, sie wird durchsichtig. - Hm. - Boahr, Kind, jetzt aber...Wir gehen dir was zum drunter anziehen kaufen!

Strahlen. Mama und Papa kommen. Oma und ihr Freund auch.
Der große Tag ist da, und ich bin ganz leise. So viele Leuten, ein Riesenzelt und in der Mitte soll das alles stattfinden.
Ich ziehe mich um, es ist schweinekalt und der Himmel grau. Die Miene meiner Mama auch, aber sie ist da. Alle sitzen sie links in dem großen Zelt und warten. Als ich das erste Mal den Altar sehe, muss ich lachen und weinen. Sören und Simon haben eine riesige Mülltonne mit goldener Rettungsfolie ausgelegt und sie als Taufbecken umfunktioniert.

Dann beginnt der Gottesdienst, Kerzen brennen überall. Und dann lächelt der Pfarrer, Simon steht neben mir, verspricht, mir zu helfen und mich zu leiten. Ich hab keine Zeit mehr um zu sehen, ob da eine Träne in seinem Augenwinkel glitzert: Ich stehe in dem Becken, die Hand des Pfarrers auf mir und höre "Im Namen des Vaters...(einmal gluck gluck unter Wasser), des Sohnes (nochmal gluck gluck) und des heiliges Geistes (ein letztes Mal Nemo spielen) ..."

Ich steige aus dem Wasser, plitschnass und zitternd wie Espenlaub. Simon und eine Freundin müssen mich ganz doll festhalten, damit ich stehen kann. Ich weine, lache und bin völlig durch den Wind, als das ganze Zelt für uns Täuflinge singt.
"Backstage" sehe ich meine Eltern, Mama wie immer sehr ladylike, Oma und ihr Freund belustigt, Papa mit beschlagenen Brillengläsern. Alle Vier überreichen mir ein Geschenk. Hat Mama ausgesucht, flüstert Papa. Es ist eine wunderschöne Kette mit einem Kreuz als Anhänger. Naja, wenn schon denn schon, sagt Mama.
Nochmal weinen.

Dann führt mich eine Hand aus dem ganzen Trubel hinaus, ich weiß, es ist mein Taufpate, aber sehen oder hören tue ich immer noch nichts. Wir stehen auf der Außenloge des Zeltes und blicken in den Himmel.
Vorher wolkenverhangen und grau, prahlt nun ein großes Loch genau über uns und lässt den Blick auf blaues Himmelzelt und funkelnde Sterne frei:
Simon grinst. "Sieht aus, als hätte da jemand den Himmel für dich aufgerissen..."

geschrieben am 21.07.2010 um 14:19 Uhr.


[zur Übersicht]


Blog

Welche Lieder sind denn gerade bei Euch "in"?

[weiter]


Ja, das war ja mal wieder schön...

[weiter]


Ein Lächeln

[weiter]


[zum Blog]

buch & musik

Wir unterstützen das ejw: