Reiseblog Projektreise Äthiopien November 2023

27.10.2023 | Valerian Grupp

Eine Reise in ein ehemaliges Kriegsgebiet

Es ist uns etwas flau im Magen, als wir die anstehende Projektreise planen. Zum ersten Mal seit Ausbruch des Bürgerkrieges 2020 besuchen wir die beiden YMCA Mekele und Adwa in der Region Tigray. Der Flug von Addis Abeba nach Mekele dürfte problemlos sein. Weil der Flughafen in Axum beschädigt wurde, erreichen wir Adwa nur mit dem Auto und die Überlandfahrten sind nicht ohne Risiko. Wir freuen uns sehr, die Menschen wieder zu sehen, mit denen wir in Mekele beim Workcamp noch wenige Monate vor Kriegsausbruch Hand in Hand gearbeitet haben. Ebenso sind wir gespannt auf die Begegnungen mit den Straßen- und Waisenkindern im YMCA Children Center Adwa.
Ob es die Sicherheitslage zulässt, bis nach Adwa zu fahren, werden wir erst vor Ort entscheiden können.

Hier werden wir jeden Tag ein kurzes Blitzlicht veröffentlichen – sofern das Internet es zulässt!
Wir freuen uns, wenn ihr uns auf dieser Reise im Gebet begleitet!

Annegret, Frank, Harald, Silas und Valerian

Weitere Eindrücke findest du auf Instagram: @ejw_weltdienst
Von den Erfahrungen der Reise erzählen wir bei einem Reisebericht – online und in Esslingen: https://www.ejw-bildung.de/68717

Freitag, 03.11.2023 – Aus der Hektik in die Stille.

Ein letzter Abend in Addis Abeba. Die Themen sind besprochen und wir machen ein bisschen Sightseeing. Nach dem Aussichtsberg En Toto steht die Kathedrale St. George zum Besuch an – mitten im lebendigen Zentrum der Stadt. Die Anfahrt wird zum Stresstest und die Parkplatzsuche zum Glücksfall.

Endlich auf dem Weg zur Kirche. Um die Kirche herum ein Park mit großen Bäumen. Nach wenigen Metern setzt Stille ein. Wir sehen viele Menschen auf dem großen Platz vor der Kathedrale, viele Frauen in weiße Decken gehüllt. Ein Gottesdienst unter dem Abendhimmel von Addis Abeba. Langsam erreicht uns das Gebet des Priesters und die Gesänge der Menge. Der Frieden umschließt uns und die Hektik des Alltags bleibt hinter uns zurück. Wir hoffen, dass sich auch durch die Kirchen der dringend benötigte Frieden im Land ausbreitet.


Donnerstag, 02.11.2023 – Schneiderinnenausbildung läuft

Zurück in Addis Abeba ging der Weg heute unter anderem ins CCA (YMCA Children Center Addis). Aktuell steht dort die Ausbildung der Schneiderrinnen kurz vor dem Abschluss. Wir konnten uns von der Qualität der Arbeiten überzeugen. Unter anderem werden dort die Stoffe verarbeitet, die wir bei der letzten Projektreise mitgebracht hatten.

Heute findet die Ausbildung auf Industrienähmaschinen statt und nicht mehr an den in Äthiopien weit verbreiteten mit den Füßen angetriebenen Maschinen, damit die angehenden Schneiderinnen neben der Möglichkeit sich selbständig zu machen auch in einer der ansässigen Textilfabriken leicht Arbeit finden können.

Außerdem findet im CCA noch die Ausbildung von Köchinnen und Köchen statt. Die beiden anderen Ausbildungsprogramme des CCA zum Friseur und am Computer können aktuell nicht stattfinden. Die Regierung ändert häufig die Anforderungen an die Ausbildungsstätten, wie z.B. die nötigen Raumgrößen. Der YMCA sucht nach Möglichkeiten möglichst bald wieder aufzunehmen. . (Frank Lutz)

Dienstag, 31.10.23 – Wiedersehen in Adwa

Heute waren wir zu Besuch bei verschiedenen Fosterchildren, die vom YMCA Adwa unterstützt werden. In einem von außen recht groß wirkenden Haus trafen wir den 16-jährigen Naoum an, der dort mit seiner Großmutter lebt und die siebte Klasse besucht. Dieses „große“ Haus war innen allerdings in sechs oder acht kleine fensterlose und stickige Zimmer aufgeteilt, die jeweils von einer Familie bewohnt werden. Bei diesen Zimmern handelt es sich um von der Regierung zur Verfügung gestellte Armenwohnungen, für die die Miete lediglich 50 Birr beträgt.

Irgendwann bemerkten wir, dass wir den beiden vor ungefähr 9 Jahren schon einmal bei einem Besuch begegnet waren. Durch die Unterstützung war es möglich, dass Naoum weiterhin die Schule besucht hat, so dass langfristig die Perspektive besteht, dass er nach einer Ausbildung Arbeit findet und sich und seine Großmutter so selbst versorgen kann. (Frank Lutz)

Montag. 30.10.2023 – Siegerpose

Nach einer langen Überlandfahrt sind wir in Adwa angekommen und haben dort den YMCA angeschaut. Wir haben die untergebrachten Flüchtling auf dem YMCA Gelände getroffen und haben eine kurzweilige Akrobatikaufführung angeschaut. Eine Gruppe von jungen Leuten trainiert in einem der Räume. Dort ist auch das Bild entstanden: Gerade wurde er noch von seinem Kumpanen bei der Partner-Akrobatik durch die Luft gewirbelt und landet dann perfekt nach einem Rückwärtssalto auf einer Matte. Arm raus und fertig ist die Siegerpose.

Dieses Bild war den restlichen Tag in meinem Kopf und meine Gedanken kreisen immer noch darum.
In all dem Leid, von dem wir hören und all den Widrigkeiten, die wir sehen ist für mich die Siegerpose ein Funke der Hoffnung. Ein Symbol für den Glaube an sich selbst, an die Selbstwirksamkeit. Ein Zeichen, dass Veränderung mit den eigenen Händen möglich ist und ein Zeichen für die Fähigkeit, Hindernisse zu überwinden.

Ich haben in den wenigen Tagen hier den YMCA oft als einen Ort gesehen, der den Kinder, Jugendlichen aber auch den Erwachsenen einen Weg zu solchen Siegerposen eröffnet. Egal ob durch das tägliche Frühstück, die Life-Skill-Trainings, der Einsatz für die Fosterchildren oder Business-Support, ich bin mir sicher, dass sich das mit Gottes Zutun vielfältig multipliziert. Erste Früchte davon kann man schon sehen, wenn Familien, die Business-Support erhalten haben, sich im YMCA stark engagieren.

Zum Schluss: Wer am Ende des Tages immer Sieger ist, ist Gott.
Man kann sein Zutun hier sehen 😊. Und heute gehört im ganz besonderer Dank für die Bewahrung auf der Fahrt und Dank und Erstaunen über die schöne Schöpfung, die wir auf der Fahrt anschauen durften. (Wer hiervon Bilder sehen will, muss am 28.11 zum Reisebericht in den CVJM Esslingen kommen 😉)
Grüße Silas

Sonntag, 29.10.2023 – Frühstück
Morgens um sieben beim YMCA Mekele. Rund 100 Kinder sitzen in einer Halle. Teilweise von ihren Müttern oder älteren Geschwistern begleitet. Sie warten geduldig, bis das von den Mitarbeitern vorbereitete Frühstück ausgeteilt wird. Für jedes Kind zwei Brötchen und eine Tasse Tee. Heute dürfen wir als Gäste das Essen verteilen. Kein Schreien und kein Drängeln. Jedes Kind nimmt sich das, was ihm zusteht und sorgt sich auch darum, dass die anderen etwas bekommen. Eine Mutter meinte, dass ihr jüngstes Kind den Krieg nur überlebt hat, weil es hier täglich etwas zu Essen bekommen hat. Falls mal etwas übrig bleibt, dann bekommen auch die Mitarbeiter, hauptsächlich ehrenamtliche, mal etwas ab.
Diese Aktion findet jeden Tag statt. Sieben mal pro Woche. Inzwischen seit zweieinhalb Jahren. Antrieb ist für sie ihr Herz für die Kinder und die Verantwortung für die Menschen in ihrem Umfeld. (Frank Lutz)

Samstag, 28.10.2023Business as usual

Mekele. Wenn man durch die Stadt fährt, scheint fast alles normal zu sein. Man kann gar nicht glauben, dass der zwei Jahre andauernde Krieg erst im November 2022 mit einen Waffenstillstand geendet hat. Auch wenn es äußerlich nicht sichtbar ist, hat der tiefe Spuren im Leben der Menschen hinterlassen. Im YMCA Mekele erfahren wir von Yirga, dass in praktisch jedem Haus jemand fehlt. 200.000 junge Menschen in Tigray wurden während dem Krieg an Waffen ausgebildet. Um einige wenige davon kann sich der YMCA kümmern. Kann ihnen Werte vermitteln, damit sie irgendwie mit den Erlebnissen umgehen können. Wenn diese jungen Menschen nicht lernen mit dem Erlebten umzugehen, dann sind sie tickende Zeitbomben (Frank Lutz)


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