04.02.2006 - rr

100. Geburtstag von D. Bonhoeffer

Aus einer Rede von Johannes Rau zu Dietrich Bonhoeffer

Es ist menschlich, dass wir uns Namen geben, mit denen uns etwas verbindet und die uns an etwas erinnern sollen: Eltern ihren Kindern. Ein Kind seiner Puppe oder dem Stofftier, Jugendliche der Katze, dem Hund oder dem Pferd. So ist es heute. So war es immer. Und so wird es bleiben. Das ist die Regel. Nur Gott - der fällt nicht unter die Regel. Als Mose ihn fragte, wer er sei und wie er heiße, bekam er ja jene großartig-seltsame Antwort: "Ich bin, der ich sein werde."

Für uns Menschen gilt eine andere Regel. Für uns ist der Name ein Stück Stein, ein Stück Seele, wie Thomas Mann das einmal formuliert

hat.


Und heute geht es um den Namen einer Schule, die nach Dietrich Bonhoeffer benannt worden ist. Damit bin ich beim eigentlichen Thema angekommen - und in ziemlicher Verlegenheit.

Denn über Dietrich Bonhoeffer kann man in sehr verschiedener Weise sprechen. Und ihm sind schon viele Schablonen angeheftet worden.

Die Diskussion um sein Leben und Werk zeigt es ja: Da redet man häufig einseitig von dem Christen Dietrich Bonhoeffer, von dem Verfasser des Gedichtes »Von guten Mächten wunderbar geborgen ...« Und vergisst, dass er dieses Gedicht im Gefängnis geschrieben hat. Aber er saß im Gefängnis, weil er ein sehr politischer Mensch gewesen ist. Man vergisst, dass seine Theologie die Möglichkeit des Tyrannenmordes berücksichtigte, freilich im Bewusstsein von Schuld und als ultima ratio. Man vergisst, dass er davon sprach, »dem Rad in die Speichen zu fallen«. Dass er um »die freie, verantwortliche Tat auch gegen Beruf und Auftrag« wusste. Und man vergisst, dass er im christlich-jüdischen Gespräch in seiner Zeit weiter war, als es viele heute sind.


Auf der anderen Seite zeichnet mancher heute ein Bonhoeffer-Bild, das im politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus den Ziel- und Angelpunkt seines Lebens sieht. Hier wird allzu leicht vergessen - oder soll ich sagen, dass ich bisweilen den Eindruck habe: bewusst unterschlagen - wie demütig-fromm Dietrich Bonhoeffer gewesen ist. Vergessen wir das nicht. Er war - wie Martin Luther - ein großer Beter:

»Wir schweigen am frühen Morgen des Tages, weil Gott das erste Wort haben soll, und wir schweigen vor dem Schlafengehen, weil Gott auch das letzte Wort gehört«, hat er einmal gesagt. Wie wohltuend sind diese Worte in unserer lauten und schnelllebigen Zeit, wie wohltuend im Einerlei des Tages. Für Bonhoeffer ist »schweigen« übrigens etwas anderes als »stumm sein«. Er sprach von hörendem, klärendem, ja reinigendem Schweigen.

»Eine christliche Gemeinschaft lebt aus der Fürbitte der Glieder füreinander, oder sie geht zugrunde.«

Auch um die Wahrheit dieses Satzes wusste er und ich frage mich, ob wir uns diese Wahrheit klar genug machen. Unvergessen bleiben seine Gebete für die Mitgefangenen auf ihrem letzten, schweren Weg. Dietrich Bonhoeffer war auch ein großartiger Prediger. Und die Psalmen nannte er »Das Gebetbuch der Bibel«. Er hat die »Nachfolge« geschrieben. Ja, man kann sehr verschieden von Bonhoeffer reden, man kann ihn vor seinen Karren spannen, für seine Interessen nutzbar machen, je nach dem, welchen Bonhoeffer man haben will, den frommen oder den politischen.


Wenn eine Schule sich seinen Namen gibt, dann ist es gut, um diese Auseinandersetzung zu wissen. Aber dann stellen sich auch andere Perspektiven ein. Dann ist auch die Frage erlaubt: »Wie war denn der Schüler Dietrich Bonhoeffer?« Und man bekäme die Antworten, die uns nachdenklich stimmen und bisweilen auch fremd anmuten. Er war bildungshungrig und wissbegierig, ehrgeizig und fleißig. Er muss also ungefähr genau das Gegenteil von dem gewesen sein, was ich mir unter einem Klassenkameraden vorstelle. Er war ein Musterschüler. Und man fragt sich, ob man ihn gern zum Mitschüler hätte haben wollen. In der Grundschule war er nie gewesen, weil die Mutter die Kinder zu Hause unterrichtete. Und vom Gymnasium berichtet er in einem Brief: »Die Klasse ist eben einfach wahnsinnig schlecht. Sie kann einfach nichts, Geschichte ein bisschen.«

Griechisch, Lateinisch und sogar Hebräisch lernte er in der Schule! In einer Zeit der digitalen Informationen hört sich das fremd an. Aber ich glaube, auf diese alten Sprachen, die keine toten sind, können auch wir nicht verzichten, wenn wir dem Morgen, der Zukunft verpflichtet bleiben wollen. Nun, es braucht nicht mehr zu sein wie bei Dietrich Bonhoeffer, dessen Konfirmationsspruch sogar in griechischer Sprache geschrieben war. Das braucht nicht zu sein. Aber wir dürfen auch nicht tatenlos zusehen, wie diese herrlichen Sprachen zu toten oder fremden Sprachen degenerieren, nur weil uns der direkte Nutzen nicht mehr erkennbar wird. Wer aber weiß, dass die älteste uns bekannte Demokratie in Athen war, dass die Juristen viel aus dem römischen Recht übernommen haben, dass die Theologie in diesen Sprachen denkt und dass die Medizin sich in vielem an sie anlehnt, der wird sich auch heute für eine humanistische Bildung aussprechen, wie sie Dietrich Bonhoeffer genossen hat.


Wer war Dietrich Bonhoeffer?

Der Christ, der Widerstandskämpfer, der bildungshungrige Mitschüler, der Klassenprimus ... Gewiss auch. Aber es gibt ja auch noch den Menschen Dietrich Bonhoeffer, den Schachspieler, der sich freute, wenn er gewann, den Freund der Musik, der sich ans Klavier setzte und seiner Begabung Töne verlieh, Melodien, den Mann der Kultur, der das Theater und die Oper liebte, der aus der Einsamkeit des Klosters Ettal, wo er an der »Ethik« arbeitete, in die Stadt, nach München fuhr, um ins Theater zu gehen.


Wir benennen unsere Schulen nicht nach Helden oder Heroen. Dietrich Bonhoeffer war kein Übermensch, unberührbar und unberührt von dem, was um ihn her geschah. Er war ein Mensch mit Gefühlen und Empfindungen, ein Mensch voller Hoffnung und bis zuletzt selbst auf Hoffnung angewiesen. Ein junger Mann, dessen Mut uns um so größer erscheint, weil wir auch um seine Ängste wissen.

Das eindrücklichste Zeugnis dieser Gefühle sind die Briefe und Zettel aus der Haft. »Widerstand und Ergebung« hat Eberhard Bethge, der Freund, sie in Anlehnung an einen Brief genannt und als Buch herausgegeben. Diese Freundesbriefe, diese Zettel sind geschrieben zwischen Hoffnung und Verzweiflung, in Erwartung des Umsturzes und in Resignation über sein Scheitern. Sie sind geschrieben zwischen dem Bibelstudium in der Zelle und langen schlaflosen Nächten voller Angst und Anfechtung. Dieses Buch gehört für mich zu den kostbarsten Zeugnissen. Es ist eines der meistgelesenen Bücher der Welt, in viele Sprachen übersetzt. Und es handelt von den Fragen eines Menschen in schwerer Zeit und von Gott.

In Ohnmacht geschrieben, der Willkür und den Pranken der Mächtigen letztlich hilflos ausgeliefert, hat dieses Buch die engen Gefängnismauern auf wundersame Weise hinter sich gelassen. Es hat seitdem Menschen in der ganzen Welt ermutigt. Bis in andere Gefängnisse hinein, in Diktaturen und Regimes hat es bedrückten Menschen Kraft gegeben: In Südafrika, in China, in Korea, auf den Philippinen hat es Mut gemacht.

Und wenn ich der Jugend heute etwas wünsche, dann das, dass sie diese Briefe liest und analysiert, dass sie sich die Freundschaft zum Vorbild nimmt und dass sie selber Briefe schreibt - auch wenn der Griff zum Telefon in dieser Zeit so einfach scheint.


Und dann gibt es noch andere Briefe von Dietrich Bonhoeffer. Auch sie sind bewegend. Auch sie rühren an. Ich meine die Brautbriefe, die Briefe zwischen Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer, der Verlobten. Nicht einmal die scharfe Zensur der Staatspolizei hat es vermocht, ihren Charakter als zarte Liebesbriefe zu zerstören. Es ist eine beeindruckende Dokumentation aus Liebe, Glaube, Hoffnung - an deren Ende, wir wissen es, ein jäher Tod steht.

Der Freund, der Verlobte, der seine Gefühle in der Einsamkeit der Zelle auf Kassiber kritzelt, es fehlt noch der Dichter, der uns kunstvoll teilhaben lässt an seinen Gedanken. »Stationen auf dem Wege zur Freiheit«, »Christen und Heiden«, »Jona«, »Glück und Unglück«, »Wer bin ich?« Und dann das Gedicht »Nächtliche Stimmen«, das uns die Gänsehaut treibt, weil es von der Hinrichtung eines Mitgefangenen erzählt:


»Erstes Morgenlicht schleicht durch mein Fenster bleich und grau, leichter Wind fährt mir über die Stirn sommerlich lau. Sommertag, sage ich nur, schöner Sommertag!

Was er mir bringen mag? Da höre ich draußen hastig verhaltene Schritte gehen, in meiner Nähe bleiben sie plötzlich stehen.

Mir wird kalt und heiß, ich weiß, o, ich weiß! Eine leise Stimme verliest etwas schneidend und kalt. Fasse dich, Bruder, bald hast du's vollbracht - bald, bald. Mutig und stolzen Schrittes höre ich dich schreiten.

Nicht mehr den Augenblick siehst du, siehst künftige Zeiten. Ich gehe mit dir, Bruder, an jenen Ort und ich höre dein letztes Wort: Bruder, wenn mir die Sonne verblich, bete du für mich.«


Ich meine, es lohnt, sich mit dem Leben Dietrich Bonhoeffers auseinanderzusetzen. Es lohnt, wenn junge Menschen mit ihren Lehrern über seine Texte ins Gespräch kommen; es lohnt, seine Lieder zu singen und seine Gebete nachzusprechen. Freilich, wir wissen: Unsere Zeit ist nicht seine Zeit. Wir leben nicht unter einer Willkürherrschaft. Wir sind auch nicht im Gefängnis. Aber die Hoffnung, die er hatte, ist auch unsere Hoffnung. Ich freue mich darüber, dass diese Schule jetzt Dietrich Bonhoeffer-Schule heißt.


Quelle: Johannes Rau

Geschichte in Porträts

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