15.04.2014 - Autor: Jürgen Kaiser

Als „Mister fünf vor sieben“ überall bekannt

Rundfunk- und Fernsehpfarrer Johannes Kuhn wird am Ostermontag 90 Jahre alt

Kurz vor Mitternacht am 5. September 1977 klingelt beim evangelischen Rundfunkpfarrer Johannes Kuhn zuhause das Telefon. Der Süddeutsche Rundfunk meldet sich. Der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ist von Terroristen der „Rote Armee Fraktion (RAF)“ entführt worden, und seine Begleiter wurden am Entführungsort erschossen. Deutschland ist in Aufruhr, der in die Geschichte eingegangene „Deutsche Herbst“ hat begonnen.

Die Südfunker haben bei der Vorbereitung der Morgensendung nach der Entführung die evangelische Morgenandacht angehört – sie liegt auf Band vor – und dabei festgestellt, dass davon überhaupt nichts, aber auch gar nichts in die aufgewühlte Situation passt.  So rufen sie ihren „Mister fünf vor sieben“ an, Johannes Kuhn. Der trägt schon seit Jahren diesen Spitznamen wegen seiner meist live gesprochenen Morgenandachten im Radio fünf Minuten vor sieben Uhr. Sie bitten ihn um eine aktuelle Andacht. Kuhn sagt zu und schaltet das Schreibtischlicht an. Um fünf Uhr ist er im Sender und spricht alle Andachten live. Er spricht zur richtigen Zeit am richtigen Ort seine Worte. Und dann geht für ihn buchstäblich die Post ab. Hunderte von Briefen erreichen ihn, sein Telefonanschluss ist tagelang  überlastet. Er hatte in der Morgenandacht die Terroristen direkt angesprochen. Viele finden das gut, einige nicht, und Letztere gießen kübelweise Beschimpfungen über ihn aus – „Shitstorm“ würde man das heute nennen. Einige der Aufgebrachten kommen sogar zu ihm nach Hause.

Johannes Kuhn erzählt das heute und blickt auf sein Leben zurück. Am Ostermontag, den 21. April, wird er 90 Jahre alt. Es sind nicht nur Geschichten, die er erzählt. Er selber ist Teil der Geschichte der Kirche mit und in den Medien geworden.

„Wir müssen unsere Sache, das Evangelium, so weitergeben, dass die Menschen es verstehen.“ Genau das hat Kuhn wohl immer gekonnt. 1924 in Plauen im Vogtland geboren, flog er im Krieg den legendären, aber viel zu langsamen STUKA, die Junkers JU 87, später dann das Jagdflugzeug Focke-Wulf FW 190. Den Krieg hat er nur knapp überlebt – zu viele hat er sterben sehen. Das Kriegsende war für ihn wie eine „zweite Geburt“, ein Neuanfang. Genau das machte auch er: Er studierte Theologie und wurde Pfarrer. Erst war er Jugendpfarrer in Bremerhaven, dann kam er zum Süddeutschen Rundfunk. Dem blieb er bis zu seiner Pensionierung 1989 treu. 1978 bis 1987 trat er im ZDF zusätzlich als Fernsehpfarrer auf, von 1979 bis 1997 schrieb er für SONNTAG AKTUELL wöchentlich eine eigene Kolumne. Und dann machte er noch im privaten Lokalfunk in Stuttgart weiter. Seine alte Zuhörerschaft blieb ihm dabei treu.
 
Dieser Erfolg hatte seiner Meinung nach ein einfaches Geheimnis: „Du redest immer nur zu einem.“ Ganz gleich, wie viele Leute morgens eingeschaltet hatten: Sie alle hatten das Gefühl, dass Kuhn nur alleine sie meint. Genau das konnte Kuhn. Das war der Schlüssel zu seinem Erfolg. So wandte er sich besonders an die Menschen mit ihren Alltagsproblemen und ihren kleinen und großen Sorgen. „Wir Medienpfarrer sind für die Menschen da, die den Anschluss verloren haben.“ So verstand er sich nie als akademischen Theologen, sondern als Seelsorger. „Ich bin mal gefragt worden, wie viele Glaubensfragen ich beantwortet habe. Es waren nicht viele. Die Menschen haben mir ihre Probleme genannt, und ich habe geantwortet.“ Das war für ihn gelebte Verkündigung: „Wo das Licht Gottes in die Welt kommt, kommt es in einer Person“.
 
Heute ist es ruhig um ihn geworden. Seit 60 Jahren ist er mit seiner Frau Henriette verheiratet, die vier Kinder sind längst aus dem Haus. Viele Enkel gibt es, aber alle weit weg. Krankheiten haben die beiden gezeichnet, das Herz macht Probleme. Doch der Geist ist wach und beweglich. „Was der eine nicht mehr kann, kann der andere noch!“ So leben sie miteinander, stützen und unterstützen sich gegenseitig. „Abschiedlich leben“, nennt das Johannes Kuhn, „das heißt im Bewusstsein leben, dass wir endlich sind.“ Jeden Morgen wird gemeinsam die Herrnhuter Tageslosung gelesen, danach eine Geschichte aus der Bibel. Dann wird darüber diskutiert, bevor jeder seinem Tagwerk nachgeht. Die beiden sind aufeinander eingespielt wie siamesische Zwillinge.
 
Johannes Kuhn lebt seinen Glauben. Dazu gehört nicht nur das Nachdenken über das eigene Leben, sondern auch die Reflektion über sein Wirken und sein Predigen. Darauf angesprochen, was er jüngeren Pfarrerinnen und Pfarrer denn weitergeben würde, zitiert er den Propheten Jesaja: „Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ Will sagen, dass Gott seinen Garten für die Menschen schon angelegt hat, sogar bewässert. Nun gehe es darum, Menschen zu finden, die diesen Garten hegen und pflegen, sodass alles anwachsen und gedeihen kann. Das sei die Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer – auch in den Medien. Sich selber wünscht er auch noch etwas: „ Ich hoffe, dass Gott mir hilft bei der Gewissheit, dass ich dann bei ihm ankomme.“

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Thai An Vu

Informatikerin & Ehrenamtliche im EJW-Weltdienst

"Zuerst habe ich gedacht, ich bin ja schon selber Migrantin und in Migrantengemeinden aktiv. Doch in Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen und in anderen Ländern habe ich einen neuen Schatz entdeckt. Es macht Spaß Erfahrungen zu teilen."

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