18.04.2005 - Autor: 

Damit Kirche wachsen kann

Anregende Thesen von Klaus Sturm, Leiter des ejw

Vortrag von Klaus Sturm beim Forum für Verantwortliche am 9. April 2005 Bernhäuser Forst


Als Leiter des ejw bin ich zur Zeit in vielen Veränderungsprozessen dabei. Das sind in der Regel Gesprächsrunden, in denen nach Lösungen gesucht wird. Viele gute Gedanken und Ideen werden ausgesprochen. Was wäre nun, radikal gesprochen, möglich, nötig, hilfreich?


Menschen sind wichtiger als Mauern.

Wir sind eine im wahrsten Sinne "steinreiche" Kirche. Gebäude aber sind unterhaltsintensiv. Es kann nicht länger sein, dass Gemeinden und Landeskirche hier ihren Schwerpunkt setzen. Allzu lange hat man versäumt, Rücklagen zu bilden für Erneuerungen. Jahrzehnte hat man Gebäude genutzt. Wenn sie dann renovierungsbedürftig waren, hat man über die Haushaltspläne die Kosten finanziert, als wäre es ein Neubau. Das geht nur, wenn immer genügend Geld da ist. Haushälterisch richtig wären jährliche Rücklagen, die sogenannte Abschreibung. Genau die würde aber jetzt , da zu wenig Geld da ist, alles blockieren.

Daher: Entweder man kann sie erwirtschaften, oder ein Gebäude muss konsequent veräußert werden. Ziel: die Menschen da behalten!! Rolf Lehmann ist noch heute zu danken, dass er so weitsichtig und mutig war, dass sich das Jugendwerk von mehreren Häusern getrennt hat, auch wenn das schmerzliche Prozesse waren.


Kirche kann von verschiedenen Konzepten her gedacht werden.

Zentral ist das Evangelium von Jesus Christus. Hier ist der Herzschlag der Kirche. Das wird/muss bleiben, auch wenn wir fast keine Stellen mehr hätten. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das in unserer Kirche so klar ist. Mit Blick auf die Öffentlichkeit ist alles direkt Diakonische natürlich besser zu "verkaufen". Auch wenn es keine Gottesdienste, kein Gemeindeleben mehr gäbe, es wäre populär, wenn die Sozialstation weiter existierte. Natürlich ist sie wichtig, aber sie gehört zu den Früchten des Glaubens, nicht zur Verteilstelle des Samens.

Nun gibt es kybernetische Modelle der Kirchenleitung. Steuerung ist alles. Von oben soll eine Übersicht möglich sein – was gut und wichtig ist – aber auch eine Steuerung nach Vorgaben von der Kirchenleitung- was sehr problematisch wird, wenn in einer evangelischen Kirche zu sehr von oben her gedacht wird. Nicht zu Unrecht sind unsere Gemeinden sehr aktiv und selbständig, weil sie näher dran sind an den Menschen. Dies muss unbedingt erhalten werden. Von der Basis her kommt das Leben der Gemeinde, Kirchenleitung im Bezirk und im Land muss nur korrigieren, wo es in die falsche Richtung zu gehen droht. Also sollten wir festhalten oder neu gewinnen, wie wir von unten her, von den Menschen in den Gemeinden her, Kirche denken und organisieren.


Nun gibt es seit einigen Jahren Großprojekte, die viele Impulse gebracht haben, aber auch immens viele Kräfte und Kosten gebunden haben. Diese Projekte (allen voran "Wirtschaftliches Handeln") müssen in den Alltag überführt werden und, wo dies nicht möglich ist, so schnell wie möglich beendet werden. Die gesondert dafür eingestellten Personen produzieren für hauptberufliche und ehrenamtliche Menschen in unserer Kirche nicht nur Schönes. Sie verkomplizieren viele Vorgänge, die früher effektiver möglich waren. Dabei will ich die Verdienste nicht schmälern, die viele sich erworben haben. Wenn aber Dinge nicht einfacher werden, sondern Sankt Bürokratius regiert, muss es Konsequenzen geben. Gerade in Gemeinden und Bezirken sind viele Ehrenamtliche mittlerweile frustriert, weil die Sitzungszahl und –dauer nicht abnimmt, sondern steigt. Selbst kleine Aktivitäten müssen als Projekt formuliert werden. Beraterinnen und Berater von außen sind auch bei uns in Mode gekommen. Das kann ein Segen sein, muss aber nicht. Im Extremfall werden relativ kleine Veranstaltungen mit einem Aufwand vorbereitet, der nicht mehr angemessen ist.

Also: Vorfahrt für die Haupt-, Neben- und Ehrenamtlichen, die die direkte Arbeit mit den Menschen machen. Alles, was dies hindert oder gar verhindert, muss geändert oder abgeschafft werden.


Die Bezahlbarkeit der hauptberuflichen Arbeit muss wiederhergestellt werden (Näheres dazu müsste länger und ausführlicher diskutiert werden).


Gelassenheit einüben. Bei allen Veränderungen und Herausforderungen, vor denen wir stehen, ist zentral, sich auf eine neue Gelassenheit einzustellen. Sie kann nicht "erarbeitet" werden. Sie ist Geschenk. Sie kommt aus dem Gebet und dem Aushalten vor dem lebendigen Gott.


Hören lernen. Natürlich hören wir selbst auf Worte im Alltag, auf stärkende Worte, auf in Frage stellende Worte. Können wir hören, uns ganz zuwenden? Ist mir das möglich bei den Hunderten von Eindrücken und Aufgaben, die anstehen? Hier liegt die Chance. Wenn Menschen spüren, dass sie eine offene Eingangspforte vorfinden, dann werden sie sich selbst auch öffnen.


Weg von der Veranstaltungskirche. Weniger "Events" sind nötig und möglich. Das sage ich als einer, der im Jugendwerk sozusagen "im Glashaus" sitzt. Vieles, was neu und hilfreich ist, geht von Veranstaltungen aus. Unsere Arbeitsbereiche und Projekte haben hier einiges durchprobiert; es gibt dabei auch die Erkenntnis, dass vor allem nicht das "vorgesetzte/vorgeplante" Programm es ist, das attraktiv ist. Jugendliche wollen selbst entdecken und gestalten.


Kürzer tagen. Weniger tagen. Konzentrieren.

Sich selbst zurücknehmen.

Was in zwei Stunden nicht geredet ist, wird nicht besser durch Verlängerung.


Die Bibel wirken lassen. Ich kann mich noch gut erinnern an das Jahr der Bibel 2003. Die Wirkkraft der biblischen Worte hat eine eigene Möglichkeit, Menschen zu verändern. Das haben wir damals erfahren. Es ist unsere Möglichkeit, auf diese Wirkkraft zu vertrauen.


Keine unevangelische Werkgerechtigkeit! Unsere Planungen sind immer in der Gefahr, uns zu hetzen. Sind wir gut genug? Ist auch alles auf dem neuesten Stand? Stehen wir gut da? Als Kontrollfragen für gute Qualität sind diese Sätze gut. Als quälende Stolpersteine sind sie gefährlich.


Leben teilen, Gemeinschaft erleben, Akzeptieren lernen

In einer funktionierenden Gemeinde vor Ort wird all dies geschehen, und wir werden bei einigem Nachdenken solch glückliche Erlebnisse benennen können, wo wir genau dies gespürt haben. Aber es klingt leichter, als es oft ist. Wir können als Einzelne ganz speziell dazu beitragen, wenn wir uns auf Begegnungen einlassen und mehr und mehr offen werden für unsere Nächsten.


Mission heißt nicht immer Großaktionen, dies auch, aber vor allem eine Grundhaltung, ein Ja zum dynamischen Glauben und zur großen Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi auf der ganzen Welt.


Eberhard Jüngel auf der EKD-Synode 1999:


"Wenn Mission und Evangelisation nicht Sache der ganzen Kirche ist oder wieder wird, dann ist etwas mit dem Herzschlag der Kirche nicht in Ordnung...Die Kirche...kann als die von seinem Geist bewegte Kirche nicht existieren, wenn sie nicht missionierende und evangelisierende Kirche ist oder wieder wird."


Klaus Sturm

Leiter des ejw

April 2005



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