14.08.2008

Deutschland im Schnelldurchlauf

Jungenschaftler aus Württemberg treffen bei den "German Games" des ejw in allen Bundesländern auf freundliche und hilfsbereite Menschen


Die Schirmherrschaft hat der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger übernommen. Die Stiftung Kinderland Baden-Württemberg fördert die Veranstaltung finanziell.


Gewinnen oder nur dabei sein – bei den "German Games" des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg (ejw) gibt es keinen großen Unterschied. Letztlich sind alle Sieger. Die Gruppe aus Kirchberg/Murr hat eben doppelt gewonnen, weil sie in den ersten Platz erreicht hat. Ansonsten aber haben die acht Jungs der Siegergruppe dasselbe gewonnen wie alle anderen 111 Teilnehmer: Unschätzbare Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen in nahezu allen deutschen Bundesländern.



Stuttgart. Elf Tage lang sind zwölf Jungenschafts-Teams aus dem Württenbergischen mit dem Zug durch ganz Deutschland gerast. Drei Mannschaften haben es tatsächlich geschafft, in jedem der 16 Bundesländer die vorgegebene Partnerstadt aufzusuchen und dort verschiedene Aufgaben zu lösen. Das heißt natürlich, dass sie sich nicht lange mit oder in einem einzelnen Land aufhalten konnten. Trotzdem gab es viel zu sehen und viel zu lernen. Schließlich hatte Ministerialdirektor Thomas Halder vom Ministerium für Arbeit und Soziales beim Startschuss Ende Juli von einer "Bildungsreise" gesprochen.


Stellvertretend für die zwölf Teams erzählen Martin Jäger und Rainer Zeeb, die Gruppenleiter des "1. FC Tabellenletzter" aus Neubulach, von ihren Eindrücken. Begeistert waren sie und ihre Mannschaft von vielen Städten, die sie im Eildurchlauf kennenlernten. Von Nürnbergs Altstadt schwärmen sie ebenso wie von Erfurt. Dass die Hauptstadt von Thüringen so schön ist, hätten sie nicht gedacht. Auch Fulda hat ihnen sehr gut gefallen. Sie bedauern nur, dass sie "das wunderschöne Kloster auf dem Frauenberg" nicht bei Tag sehen konnten.


Auch in Dresden hatten die "Tabellenletzten" – die schließlich aber zehnter und damit "nur" Drittletzter werden sollten – wenig Zeit zum Sightseeing. Zunächst einmal galt es nämlich, die gläserne Manufaktur von VW in der sächsischen Hauptstadt zu besuchen. "Das war das Highlight für die Jungs, weil sie im Fahrsimulator Autofahren durften", meint Martin Jäger. Auf dem Weg dorthin sind sie an Zwinger und Semper-Oper vorbeigerannt und haben kurz in die Frauenkirche reingeschaut. Erst bei Nacht konnten sie sich ein bisschen genauer in "Elbflorenz" umschauen, und auch das nur, weil sie nicht direkt einen Anschlusszug bekamen. "Wenn da gleich ein Zug gefahren wäre, hätten wir von Dresden so gut wie gar nichts gesehen", erzählt Rainer Zeeb vom Alltag auf der einzigartigen ejw-Städtetour durch Deutschland.


In fast allen Städten hatten die Schwarzwälder das Gefühl, einmal wiederkommen zu müssen. In der Lutherstadt Mansfeld in Sachsen-Anhalt haben sie sogar die direkte Einladung bekommen, einmal eine Sommerfreizeit im Schloss zu veranstalten. Überhaupt war Mansfeld eine besondere Station für die Neubulacher – nicht nur, weil die Stadt nur schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. In Mansfeld waren sie zum sozialen Projekt angemeldet: drei Stunden Gartenarbeit in einem Seniorenheim. Andere Gruppen waren in Kindergärten tätig, in Obdachlosenheimen oder auch in "Jona’s Haus" in Berlin, dessen Mitarbeiter sich um vernachlässigte Kinder und Jugendliche in der deutschen Hauptstadt kümmern. Für "Jona’s Haus" war sogar das gemeinsame Opfer des Abschlussgottesdiensts in der Stuttgarter Jugendherberge bestimmt.


Mansfeld war aber auch anderweitig von Bedeutung für die Gruppe aus Neubulach, die dort 18 Jahre nach der Wiedervereinigung mit deutsch-deutscher Realität konfrontiert war. Rainer Zeeb: "In Mansfeld haben wir den Osten am deutlichsten gesehen." Dazu gehörten viele baufällige Gebäude, wenig Industrie und damit verbunden kaum zukunftsträchtige Perspektiven für die Bewohner. Trotzdem hat die Gruppe in Mansfeld durchweg freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen, die ihnen auch bei den Aufgaben weiterhelfen konnten. Die Aufgaben in Mansfeld waren natürlich stark auf Martin Luther zugeschnitten, dessen Eltern von dort stammten.


Von freundlichen Menschen berichten Martin Jäger und Rainer Zeeb immer wieder: "Manche wollten gar nicht mehr aufhören zu erzählen." Da war beispielsweise ein Mann aus Emden, der ihnen viel über die Fischerei in früheren Jahren erklärt hat. In Erfurt hat jemand mit ihnen über die FDJ diskutiert, die staatliche Jugendorganisation in der ehemaligen DDR. Zu diesem Gespräch war es in der "Willy B Bar" gekommen, wodurch die jungen Schwarzwälder in Erfurt auf ein weiteres Kapitel deutscher Geschichte im Kalten Krieg stießen: auf den triumphalen Empfang, den die DDR-Bürger einst dem westdeutschen Bundeskanzler Willy Brandt in Erfurt bereiteten.


Auch sonst gab es immer wieder Spuren der jüngeren deutschen Geschichte zu sehen oder zu erleben: In Nürnberg haben sich die Neubulacher ausgiebig auf dem Reichsparteitags-Gelände der Nationalsozialisten umgesehen, in Berlin waren sie im Olympiabad und sind reihenweise vom Zehn-Meter-Turm gesprungen. Aber bei allem Spaß blieb es auch dabei nicht aus, dass die Gruppe ernsthafte Gespräche über die unmenschliche Diktatur führte. Nicht anders war das bei der Fahrt von Nürnberg nach Berlin – in einem total überfüllten Nachtzug. Diese Reise war natürlich immer noch verhältnismäßig komfortabel und nicht wirklich zu vergleichen mit den Deportationen in Konzentrationslager. Dennoch fühlten sich die jungen Leute in diesem Nachtzug an ein besonders dunkles Kapitel der deutschen Geschichte erinnert.


Einen eigenen Tiefpunkt hatten die Schwarzwälder bei den "German Games", als sie völlig übernächtigt in Hamburg ankamen. Ihre Anlaufstelle war eine Imbissbude. "Das ist beeindruckend, wie diese Leute im Currywurst-Stand ihren Glauben leben", sagt Martin Jäger. "Sie sind sehr freundlich zu ihren Kunden, erzählen ihnen von Jesus, und sie haben auch uns wieder aufgerichtet." Was die Jungenschaftler auch immer wieder aufgerichtet hat, das war die Hilfsbereitschaft von Polizei oder Bahnbediensteten, wenn es darum ging, auf einem Bahnhof zu übernachten: Wenn sie erklärt haben, wer sie sind und was sie tun, dann gab es meistens keine Probleme mehr, sondern in aller Regel noch gute Tipps.


Auch mit anderen Personen, die sich regelmäßig auf Bahnhöfen und auf den Straßen aufhalten und die häufig alkoholisiert sind, hatten die Neubulacher keine Schwierigkeiten. Sie waren in einer ähnlichen Situation, hatten in solchen Nächten auch keine ordentliche Unterkunft und waren deshalb anerkannt oder zumindest akzeptiert. Das galt in gewisser Weise sogar auf der Hamburger Reeperbahn: "Wir haben uns extra auf der Davidswache erkundigt, ob es möglich ist, dass wir mit den Jungs dort hingehen", berichten die Gruppenleiter im Nachhinein. Als sie dann zu später Stunde gemeinsam über die berüchtigtste Vergnügungsmeile Deutschlands flanierten, seien sie von allen Frauen in Ruhe gelassen worden: "Die haben gesehen, dass unsere Jungs noch keine 18 sind."


So wie die Neubulacher haben noch elf weitere Gruppen an den elf Spieltagen Deutschland mit allen möglichen Facetten kennengelernt und im wahrsten Sinne des Wortes "erfahren". Alle Gruppen zusammen haben fast 70 000 Bahnkilometer zurückgelegt. Auf die 111 Teilnehmer bezogen, ergeben sich 639 000 Kilometer – eine Strecke, die schon fast zwei Mal bis zum Mond führen würde. Mit 8 652 Kilometern hat die Gruppe aus Reutlingen den Streckenrekord aufgestellt. Da sie aber im Endklassement "nur" den fünften Platz belegen, zeigt sich deutlich, dass es bei den "German Games" nicht allein auf die Quantität ankommt.


Die Sieger aus Kirchberg waren übrigens recht sparsam mit ihren Fahrten: Sie haben es lediglich auf 4 345 Kilometer gebracht und kommen damit bei der Bewertung der Fahrstrecken nur auf Platz zehn. Dafür haben sie ihre Deutschland-Reise genau geplant und sich voll auf die Aufgaben konzentriert. Ausgerechnet die Station in Baden-Württemberg mussten sie auslassen: Der Ausflug auf den Feldberg fiel dem schlechten Wetter zum Opfer. Ansonsten aber haben sie sich durch nichts ablenken lassen. Während andere Gruppen beim Abschlusswochenende in Stuttgart vom Baden in Seen und Meeren berichteten, sagte einer der Kirchberger: "Das einzige, was bei uns mit Wasser zu tun hatte, war das Duschen."




Genaue Planung und Konzentration auf das Wesentliche – das hat bei den "German Games" des ejw also zum Sieg geführt. Letztlich aber haben, wie gesagt, alle gewonnen: Sie haben Land und Leute kennengelernt und viele Erfahrungen gesammelt, die sich direkt aufs Leben übertragen lassen. Gottfried Heinzmann, der Leiter des ejw, sprach denn auch in seiner Predigt zum Abschlussgottesdienst davon, dass im Leben immer wieder Entscheidungen nach dem richtigen Weg erforderlich sind, dass es einfache und schwierigere Wegstrecken gibt und dass es auf die Menschen ankommt, die einen führen und begleiten. Die Erfahrung der Jugendlichen bei den "German Games", kreuz und quer, aber letztlich sicher durch Deutschland gefahren zu sein, kann also fortan ihren Alltag und ihr Leben bereichern und beeinflussen.


Rainer Oberländer

Evangelisches Jugendwerk in Württemberg (ejw)

Telefon: 0711/9781-252

E-Mail: rainer.oberlaender@ejwue.de


Weitere Infos:

www.german-games.info


Weitere Bilder gibt es in der Bildergalerie.


Informationen zum Evangelischen Jugendwerk in Württemberg:

www.ejwue.de


14. August 2008

 

Das Evangelische Jugendwerk in Württemberg (EJW) koordiniert, fördert und gestaltet die evangelische Jugendarbeit in Württemberg. Unser Ziel ist es, junge Menschen zum Glauben an Jesus Christus einzuladen, ihren Glauben im Alltag zu stärken und sie bei ihrem Engagement für Jugendarbeit und Gesellschaft zu unterstützen. Kurz gesagt: begegnen, begleiten und befähigen. Deshalb unterstützen wir Kinder, Konfirmanden, Jugendliche, Familien und (junge) Erwachsene über unsere sinnstiftenden Arbeitsbereiche, Veranstaltungen, Bildungsangebote und Reisen. Zudem bringen wir die einzelnen Jugendwerke vor Ort sowie in den Bezirken voran. Als größter konfessioneller Jugendverband in Baden-Württemberg bieten wir jährlich circa 306.000 jungen Menschen regelmäßige und circa 462.000 einmalige Angebote. Wir arbeiten selbstständig im Auftrag der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und mit einem großen Netzwerk an Partnern. Mehr über uns erfahren Sie unter www.ejwue.de/ueber-uns/wer-wir-sind/ 

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