10.12.2019 - Anika Maier, ehrenamtliche Mitarbeiterin im EJW-Weltdienst

Eine Stimme für die Stummen sein

Anika Maier im Gespräch mit nigerianischen Bäuerinnen

EJW-Landesjugendreferentin Mechthild Belz und Anika Maier mit Araku Ishua vom YMCA Lafia und seiner Familie

Herausfordernde Reise nach Nigeria

„Wie war die Nigeria-Reise?“

Ja, wie war sie - irgendwie kann ich es kaum in Worte fassen, irgendwie können Worte die Vielschichtigkeit einer Nigeria-Reise nicht richtig wiedergeben. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, die Erfahrungen in Worte fassen zu müssen, um sie nicht zu verlieren. „Was nicht zu definieren ist, ist vielleicht am wichtigsten.“ (R. Kapuscinski) So fühlt es sich an. Wichtig, aber undefinierbar. Ich versuche trotzdem, einen Bericht darüber zu schreiben und gieße meine Erfahrungen damit sozusagen in eine Form, die zu klein ist.

Im Frühsommer hatte ich eines Tages eine Mail vom Weltdienst in meinem Postfach: „Liebe Anika, heute kamen wir im Team auf eine Idee… Hättest du Lust und Zeit im Herbst auf einen Fachkräfteaustausch mit Mitarbeitenden in der Jugendarbeit in Nigeria? Es gibt vielleicht auch die Möglichkeit 2-3 Tage länger zu bleiben und mit Stefan einen Projektbesuch im ATC in Lafia zu machen – könnte mit deinem Studi-Hintergrund spannend und fürs Projekt bereichernd sein.“

Wow. Ich bin herausfordernde Anfragen aus dem EJW schon gewohnt, als Ehrenamtlicher wird es einem da in der Regel nicht langweilig - aber damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Weil mich das ATC schon länger interessiert, habe ich kurzerhand ein bisschen blauäugig zugesagt, mir bis November aber keine großen Gedanken mehr darüber gemacht. Ich war bisher noch nie in einem afrikanischen Land, habe nur von Freunden davon gehört und war mir sicher, dass ich auch mal nach Afrika reisen will. Am 3. November, war es dann soweit. Zusammen mit Stefan Hoffmann, Mechthild Belz, Isabelle Kraft und Steffi Weinmann landete ich spät abends in Abuja, Nigerias Hauptstadt. Abuja sei das „europäische Nigeria“, wurde uns erklärt. Ich habe das erst verstanden, als wir am Ende unserer Reise ein zweites Mal in der Stadt waren: In der Hauptstadt gibt es Ampeln und Verkehrsregeln, die befolgt werden, es gibt Frauen, die Hosen tragen und pünktlich beginnende Termine. An allen anderen Orten, die wir besucht haben, war das nicht so. Und das war wunderbar für mich, weil mein europäisch funktionierendes Ich ab und zu anfängt, vor sich hin zu wurschteln und den Rest der Welt ganz außer Acht lässt. 

Aber der Reihe nach… Von Abuja ging es mit dem Auto weiter nach Jos, zum Hauptsitz des YMCA Northern Zone. Dort trafen wir die nigerianischen Teilnehmer und teilten uns in zwei Gruppen auf: Isabelle und Steffi reisten mit zwei nigerianischen Jugendreferenten zum YMCA Bauchi, während Mechthild und ich mit zwei anderen den YMCA Lafia besuchten. Nach drei Tagen an diesen Orten kamen alle zurück nach Jos, wo wir gemeinsam eine Art Klausurtagung über Jugendarbeit und Partnerschaft abhielten. Und am Ende der Reise durfte ich mit Stefan zwei Tage beim YMCA Mada Hills / ATC sein. Soweit der grobe Ablauf des Fachkräfteaustauschs. Ich möchte aber keinen chronologischen Bericht mit allen Terminen, Besuchen und Gesprächen aufschreiben, sondern lieber erzählen, was ich erlebt habe und wie ich es erlebt habe. Ich als ehrenamtliche Jugendmitarbeiterin, als Afrika-Unerfahrene, als Agrarwissenschaftlerin.


Nach den Nöten der Menschen fragen

Beim Besuch des YMCA Lafia habe ich viel Neues (kennen-) gelernt. Die Jugendarbeit dort ist ganz anders als das, was ich von zuhause kenne. Es gibt keine Räume, keine Jungschar, keinen Jugendkreis. Stattdessen fuhren wir in eine Siedlung, in der überwiegend Moslems wohnen und befragten die Menschen dort: Wie ist euer Zugang zu Bildung, zu medizinischer Versorgung, zu Arbeit, usw.? Der YMCA Lafia ist der Überzeugung, dass es besser ist, erst nach den Nöten der Menschen zu fragen, bevor man mit einem Programm zu ihnen kommt. Ob wir das bei uns wohl auch so machen könnten? In Nigeria scheint es irgendwie mehr Not zu geben als in Deutschland. Aber ist es hier deshalb weniger wichtig, dass Jugendarbeit gesellschaftsrelevant ist?

Auch in einem Jugendtreff in Abuja lernte ich ein ganz neues Konzept kennen. Die Jugendlichen dort treffen sich regelmäßig, um ihre Talente zu entwickeln - beim Musik machen, Texte schreiben, Malen, Nähen oder Schuhe machen zum Beispiel. Dahinter steckt der Wunsch, den Jugendlichen eine positive Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen. Im Jugendtreff kriegen die jungen Menschen die Chance, was aus ihren Talenten zu machen. Ihre Produkte und Kunstwerke werden verkauft, positive Entwicklung wird also belohnt. Und die Jugendlichen können ihre Teilnahmegebühren für YMCA-Camps usw. selbst bezahlen. Dadurch entwickeln sie ein gesundes Selbstbewusstsein und kommen aus ihrer Abwärtsspirale heraus. Dieser Jugendtreff hat uns ein Lied vorgesungen, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging. „We will stand up and speak up. We’re gonna be the voice of the voiceless to the glory of the Lord. YMCA be the voice of the voiceless in our world!“ (Deutsch: Wir werden aufstehen und unsere Stimmen erheben. Wir sind die Stimme für die Stummen zur Ehre unseres Herrn. YMCA sei die Stimme für die Stummen in der Welt!

Video "We will stand up" bei YouTube ansehen

Mich lässt das Chaos, die Not, die Gewalt in Nigeria überwiegend ratlos zurück. Jedes Jahr verlieren mehr als dreißigtausend Menschen bei Verkehrsunfällen ihr Leben. Es gibt Mangel an Gesundheitsversorgung, an guter Bildung und manchmal sogar an Nahrung. Vetternwirtschaft und Korruption scheinen über allem zu herrschen und immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen. Wer gibt denen eine Stimme, die so tief im Leid stecken, dass sie verstummen? „We will stand up and speak up. We’re gonna be the voice of the voiceless to the glory of the Lord.“ Dass die Jugendlichen das singen, beeindruckt mich und stimmt mich hoffnungsvoll. Wir haben nämlich auch viele junge Nigerianer kennengelernt, die ihr Land lieber verlassen wollen. Weil sie keine Perspektiven sehen. Weil sie nicht glauben, dass es etwas bringt, aufzustehen und die Stimme zu erheben. 


Sei die Stimme für die Stummen!

Sei die Stimme für die Stummen! Das fordert auch mich auf. Ich bin mittlerweile zurück in Deutschland. Mein Alltag ist weit weg von dem, was in Nigeria passiert. Und trotzdem kann ich auch hier aufstehen und meine Stimme erheben. Zum Beispiel für die Kleinbauern, die ich in Nigeria kennengelernt habe. Wie gesagt, durfte ich mit Stefan am Ende der Reise noch zum YMCA Mada Hills. Von dort aus sind wir in zwei Dörfer gefahren, um mit Kleinbauern zu sprechen, die von Trainern vom ATC Landwirtschafts-Unterricht bekommen. Auf ihren kleinen Feldern bauen sie Yam, Süßkartoffeln, Erdnüsse und Hirse an. Ich habe mich dort mit den Frauen unterhalten und sie haben mir erzählt, mit welchen Herausforderungen sie als nigerianische Bäuerinnen kämpfen. Weil sie sich nicht nur um die Felder, sondern auch um ihre Kinder und oft sogar um ihre Ehemänner kümmern müssen, fehlt ihnen die Zeit und die Kraft für die Bewirtschaftung. Außerdem haben Kleinbauern meist kaum Geld, sodass sie Kredite für den Kauf von Saatgut oder Dünger aufnehmen müssen. Da ist es eine große Hilfe, wenn man Mitglied in einer Spargruppe des ATC ist und Kredite bekommt, ohne über den Tisch gezogen zu werden. Oder wenn man von einem ATC-Trainer lernt, wie man einen guten Kompost ansetzt, um damit düngen zu können.

Ich möchte meine Stimme für diese Frauen erheben. Sie haben mir erzählt, dass niemand ihre Arbeit wertschätzt. Und das jammert mich. Denn sie sind diejenigen, die ihre Familien, Dörfer und die Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln versorgen. Wenn sie ihre Arbeit gut machen, bewirkt das so viel. Für die Bodenfruchtbarkeit, für die Ernährungssicherheit und Gesundheit, für die Bewahrung der Artenvielfalt, für den Klimaschutz und die Anpassungsfähigkeit an Klimaveränderungen.

Zu all den Herausforderungen für die Kleinbäuerinnen kommt aktuell auch noch ein Konflikt mit der Volksgruppe der Fulani-Hirten, die ihre Rinder über Felder und durch Dörfer treiben und dabei viel Zerstörung anrichten. Eine Frau sagte mir: „Ich war gerne Bäuerin und ich war stolz auf meine Arbeit, weil meine ganze Familie dadurch dreimal am Tag essen konnte. Das ist jetzt nicht mehr so. Welchen Sinn hat meine Arbeit, wenn am Ende Fulani kommen und alles zerstören?“ Die nigerianischen Kleinbauern haben keine Stimme, die gehört wird. Ihre Probleme werden von vielen Verantwortungsträgern einfach ignoriert. Gerade deshalb ist die Arbeit des ATC so wichtig. Weil der YMCA eine Stimme für die Stummen sein kann.

Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen und Erlebnisse meiner ersten Nigeria-Reise. Ich bin dankbar, dass ich vom Weltdienst gefragt wurde, ob ich mitkomme und froh, dass ich etwas blauäugig zugesagt habe. Die Reise hat meinen Blick geweitet und in mir erneut bewusst gemacht, dass ich nicht nur vor mich hin wurschteln, sondern mich umschauen soll nach den Stummen, denen ich eine Stimme geben kann. Zur Ehre unseres Herrn.


Das Evangelische Jugendwerk in Württemberg (EJW) koordiniert, fördert und gestaltet die evangelische Jugendarbeit in Württemberg. Unser Ziel ist es, junge Menschen zum Glauben an Jesus Christus einzuladen, ihren Glauben im Alltag zu stärken und sie bei ihrem Engagement für Jugendarbeit und Gesellschaft zu unterstützen. Kurz gesagt: begegnen, begleiten und befähigen. Deshalb unterstützen wir Kinder, Konfirmanden, Jugendliche, Familien und (junge) Erwachsene über unsere sinnstiftenden Arbeitsbereiche, Veranstaltungen, Bildungsangebote und Reisen. Zudem bringen wir die einzelnen Jugendwerke vor Ort sowie in den Bezirken voran. Als größter konfessioneller Jugendverband in Baden-Württemberg bieten wir jährlich circa 306.000 jungen Menschen regelmäßige und circa 462.000 einmalige Angebote. Wir arbeiten selbstständig im Auftrag der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und mit einem großen Netzwerk an Partnern. Mehr über uns erfahren Sie unter www.ejwue.de/ueber-uns/wer-wir-sind/ 

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Benjamin Hiller

Lehramtsreferendar

"Auch mit Gott und Jesus kann, darf und soll man Spaß haben und sich an seiner Schöpfung freuen. Ein Leben mit Jesus ist ein Riesengewinn, vor allem, wenn man viel Spaß dabei hat."

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