11.03.2009 - sb

Erinnerungsreigen zum 200. Geburtstag von Gustav Werner

Mit seinen „Rettungshäusern“ wollte Gustav Werner jedem seine Chance geben

Reutlingen (epd). Mit einer breit angelegten Veranstaltungsreihe wird in Reutlingen an den 200. Geburtstag von Gustav Werner (1809-1887) am 12. März erinnert. Der Theologe und Sozialreformer zählt zu den bedeutendsten Männer der Diakonie. Er wollte von seinem evangelischen Glauben her eine Antwort auf die Herausforderungen der beginnenden Industrialisierung geben und gründete dazu «Bruderhäuser» und Fabriken, in denen jeder - auch Waisen und Behinderte - seine Chance hatte. Auf ihn geht die BruderhausDiakonie, einer der großen Sozialanbieter des Landes, zurück.

In den Bruderhäusern wurden die «Zöglinge» nach ihren Gaben und Fähigkeiten gezielt gefördert; darum haben sie ungewöhnlich viele bedeutende Unternehmer hervorgebracht. Zu ihnen zählen etwa der als «König der Konstrukteure» gerühmte Wilhelm Maybach (1846-1929).
Dessen Meister im Bruderhaus war Gottlieb Daimler, später einer der erfolgreichsten Automobil-Unternehmer der Welt.

An den Reutlinger Ehrenbürger des Jahres 1884 erinnert zu seinem 200. Geburtstag am Donnerstag, 12. März, ein Festgottesdienst in der Marienkirche, an den sich ein Festakt des Landkreises anschließt. Im Programm sind ferner Mitarbeiterfeste, Ausstellungen und Symposien.
Am 12. Juli will das ZDF einen Fernsehgottesdienst senden. (0405/02.03.2009)


Der engagierte Sozialreformer war seiner Zeit voraus: Mit seinen «Rettungshäusern» wollte Gustav Werner jedem seine Chance geben

Von Hans-Dieter Frauer (epd)

Reutlingen (epd). Gustav Werner (1809-1887) wird der Satz zugeschrieben «Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert». Nach diesem Grundsatz hat der heute als «schwäbischer Franziskus» gerühmte Sozialreformer zeitlebens gehandelt: In seinen «Rettungshäusern» und Fabriken arbeitete er mit Benachteiligten wie Behinderten oder Waisen nach christlichen Grundsätzen.

Der vor genau 200 Jahren - am 12. März 1809 - in Zwiefalten geborene Werner wird heute zu den herausragenden Gestalten des deutschen Protestantismus gerechnet. Er hat als einer der ersten Theologen die tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen im heraufziehenden Industriezeitalter intensiv wahrgenommen und sie als Herausforderungen für den christlichen Glauben erkannt. Er wollte daher in seinen Rettungshäusern eine Arbeit nach christlichen Grundsätzen, die jedem seine Chance gibt.

Der Sohn eines Forstkassiers hatte nach dem in Tübingen absolvierten Theologiestudium die Arbeit des legendär gewordenen Pfarrers Johann Friedrich Oberlin (1740-1826) kennen gelernt, der die Lebensbedingungen seiner bettelarmen Gemeinde im Steintal mit von ihm angeregten Arbeiten in den Bereichen Erziehung, Landbau, Industrie und Handwerk nachhaltig verbessert hatte. Diese Begegnung prägte Werner tiefgreifend.

Als er selbst - zwischenzeitlich Vikar in Walddorf bei Reutlingen - mit existentieller Not konfrontiert wurde, rief er die Gemeinde zu diakonischem Engagement und tätiger Nächstenliebe auf. Nach dem Vorbild Oberlins gründete er 1837 Kleinkinderschulen für unversorgte
Zwei- bis Sechsjährige und eine Industrieschule für Mädchen. Zur ersten der für Werner typischen christlichen Lebensgemeinschaften kam es, als er ein Waisenkind in seinen Haushalt aufnahm, worauf sich andere Familien für andere unversorgte Kinder öffneten.

Seine engagierte Arbeit machte den Vikar über den Ort hinaus bekannt, er hielt Vorträge und warb für tätiges Christentum. Das führte zu für die Kirchenleitung in Stuttgart wenig rühmlichen
Konflikten: Werners engagiertes Wirken beurteilte sie als unevangelische Werkgerechtigkeit, der Konflikt eskalierte und Werner wurde entlassen.

Bereits im Februar 1840 war er mit zehn Kindern und zwei Helferinnen nach Reutlingen umgezogen. Dank immer mehr freiwilligen Mitarbeiterinnen konnte er immer mehr Waisen aufnehmen, die in christlicher Hausgemeinschaft mit viel persönlicher Zuwendung und wenig Zwang erzogen wurden. Die Arbeit wurde aus Spenden finanziert, Strickvereine verkauften dafür ihre Handarbeiten. Werners Werk wuchs, er konnte ein Haus kaufen, die ersten männlichen Mitarbeiter wurden gewonnen, und es entstanden anstaltseigene Handwerksbetriebe.

Die Menschen lebten in von «Vater Werner» patriarchalisch geleiteten Hausgemeinschaften nach Art einer Großfamilie in Gütergemeinschaft. 1850 wurde eine Papierfabrik erworben, ihr folgten «Mechanische Werkstätten» und Fabriken. Bis 1862 war das seit 1855 «Bruderhaus» genannte Werk zu einem weit verzweigten Konzern mit 24 Zweiganstalten geworden, in denen 437 Kinder und 216 Menschen mit Behinderungen lebten, die von 227 Hausgenossen und 866 Mitarbeitern betreut wurden.

Das rasante Wachstum konnte zwar die Wirtschaftsbetriebe, aber nicht die soziale Arbeit finanzieren - nach einem Konkursverfahren im Jahre 1863 griff der württembergische Staat helfend ein. Um den Fortbestand seiner Arbeit zu sichern, gründete Werner 1881 die «Stiftung zum Bruderhaus».

Sie heißt heute «BruderhausDiakonie» und ist einer der großen Sozialanbieter Baden-Württembergs. In ihren Einrichtungen werden über 9.000 Menschen betreut. (0406/02.03.2009)

Webcode 2009ejw0311

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