23.12.2004 - rr

Euch ist heute der Heiland geboren

Chorprobe bei den himmlischen Heerscharen (Lk. 2.8ff)

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. (Lukas 2,8-14)


»Ruhe bitte! Ruhe!«

Erzengel Gabriel, Dirigent und Arrangeur der himmlischen Engelchöre, mußte mit dem Taktstock mehrmals aufs Notenpult klopfen. Die Heerscharen in Weiß und Gold raschelten mit den Flügeln, kicherten nervös und waren ungewöhnlich aufgeregt. Verständlicherweise.


In wenigen Minuten würde etwas passieren, was seit Jahrtausenden sehnsüchtig erwartet wurde. Das unbegreifliche Wunder: Gott selbst kommt als Mensch in die Welt! Der »Messias« Jesus, der Erlöser vom Bösen, der Versöhner und Heilbringer, wird heute nacht als normales menschliches Baby von einer jungen Frau geboren werden! Gleich wird die hauchdünne Trennwand zwischen Raum-und-Zeit der Menschenwelt und Unendlichkeit-und-Ewigkeit des Himmels für einen Moment aufreißen und sie, die Engel, werden für normale Menschenaugen und -ohren zu sehen und zu hören sein! Sowas verursacht selbst im "höheren Chor" Lampenfieber und so schnattern Sänger und Instrumentalisten lebhaft durcheinander.


»Ruhe, Menschenskinder nochmal!« rief Gabriel entnervt, aber da lachten alle noch lauter. Denn das waren sie ja nicht. Das sollte Gott erst werden. Ein Menschenkind.


»Also, ich habe aus den vielen profetischen Ankündigungen des Retters Jesus, aus Psalmen und Jesaja-Texten, folgenden kurzen Zweizeiler formuliert« sagte der Dirigent und errötete etwas. Wie alle, die ein eigenes Gedicht vorlesen sollen. »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens«


Es folgte eine bewundernde Stille.


»Das wird ein Hit!« dachte ein kirchengeschichtlich weitsichtiger Engel in der dritten Reihe begeistert. »Die ersten Nachfolger Jesu und viele Passanten auf der Straße werden es jubelnd rufen, wenn Jesus auf einem Esel nach Jerusalem einzieht.«


Gabriel räusperte sich laut. Hm Hm. »Diesen Chartbreaker, äh ich meine Lobgesang, müßt Ihr allerdings ohne Dirigent aufführen, weil ich erstmal alleine mit einem Solo-Programm den Hirten auf dem Feld erscheine und Ihr dann nachkommt.«


»Klar«, schmunzelte ein Bassist hinten rechts, »wenn wir mit der geballten himmlischen Herrlichkeitspower über die Hirten herfallen, ist ihr Schrecken größer als ihre Freude.« Und laut sagte er: »Gabriel! Selbst wenn Du alleine zu ihnen gehst: Sag erstmal »Fürchtet Euch nicht! Siehe, ich verkündige Euch große Freude.« Sonst geraten die bloß in Panik und Hektik wie 2000 Jahre später die Konsumsklaven in der Vorweihnachtszeit. »Betone die Freude, hörst Du?!« »Moment mal«, rief eine Harfespielerin aus dem Orchester dazwischen, »ich hör' immer Hirten! Das soll unsere Zielgruppe sein? Humbtata-Mitklatscher vom Musikantenstadl? Warum schmettern wir diesen herrlichen Gesang von der majestätischen Ehre Gottes und von seiner gnädigen Versöhnung nicht in den Jerusalemer Königspalast? Oder gestalten eine erhabene Mitternachtsmesse im Tempel?!« »Genau!« kreischte eine Sopranstimme ganz unengelhaft dazwischen, »ich soll die kostbare Botschaft vom Frieden Gottes in die lärmende Wuseligkeit überfüllter Basarstrassen und rauchiger Gasthäuser hineinsingen, in den Kommerzrummel der Märkte und den Gestank von Schaf- und Ziegenherden?! Also nee...« und dabei rümpfte sie ihre eigentlich sehr hübsche Nase. »Hirten!« empörte sich die Harfenspielerin wieder. »Die ziehen Tieren und Menschen das Fell über die Ohren. Die haben zur Zeit ein so niedriges Sozialprestige, daß sie vor Gericht gar nicht als Zeugen zugelassen werden. Ausgerechnet die Unglaubwürdigsten einer Gesellschaft sollen dann unsere gute Nachricht weitersagen?! Na toll!« »Und außerdem«, ergänzte die vornehme Sopranistin noch, »werden sie intellektuell gar nicht mit dem Wunder der Menschwerdung Gottes fertig!«


Chorleiter Gabriels sprichwörtliche Engelsgeduld wurde so kurz vor dem Fest nochmal kräftig strapaziert. »Ehre sei Gott in der Höhe«, sagte er mit fester Stimme - und sofort ebbte der Geräuschpegel ab - »bedeutet keinen Glamour im irdischen Sinne. Gottes Majestät dürft Ihr auch bitteschön nicht mit menschlichem Imponiergehabe, mit Angeberei und Gegockel verwechseln. Der »Ruhm des Höchsten« hat nichts mit Publizität und Popularität zu tun. Sondern mit »Ehre, Herrlichkeit, Majestät« usw ist Gottes Wesen gemeint. Und da Gott wesensmäßig Liebe ist, da seine Gnade so weit reicht wie unser unendlicher Himmel hier, deshalb will er ja gerade zu den kleinen Unbekannten, den schlicht Gestrickten und denen, die ihr Geld im Freien verdienen. Gott demonstriert heute nacht doch die Aufwertung der Verachteten! Wir singen heute Gottes Wertschätzung für die Armen! Seine große Freude in kleinkarierten Verhältnissen! Gottes Macht...« - und bei diesem gewaltigen Begriff wurde es noch einmal mucksmäuschenstill im Chor - »Gottes Macht zwingt ja niemanden zu Boden, sondern richtet ihn auf, macht hängende Köpfe zuversichtlich und gebeugte Rücken gerade. Überlegt doch mal: Gott kommt heute als Baby auf die Welt. Ein Neugeborenes ist klein, zerbrechlich, wehrlos, ohnmächtig. Es ist den Erwachsenen völlig ausgeliefert. Aber gerade das ist die Macht des Kindes: Es appelliert an unsere Menschlichkeit, eben weil es so ohnmächtig ist. Es mobilisiert unser Mitgefühl und unsere aktive Fürsorge, eben weil es so ausgeliefert ist. Wer ein Herz im Leibe hat, empfindet Liebe für ein Baby. Das wird auch klobigen Klötzen wie den Hirten so gehen. Außerdem hat Gott nicht nur unendliche Liebe und Gnade für uns, er hat auch Humor: Ausgerechnet die wenig angesehenen Hirten sollen seine Botschaft weitertragen, jawoll!«


»Das wird ein Prinzip werden«, schmunzelte der kirchengeschichtlich weitsichtige Engel in der dritten Reihe wieder. »Die Nachricht von der Auferstehung z. B. wird Gott ausgerechnet von zwei Frauen weitertragen lassen, die ja in ihrer Zeit auch nicht vor Gericht als Zeugen zugelassen sind, hihi. Und die Ausbreitung der frühen Christengemeinden wird unter Sklaven in Antiochien und Hafenarbeitern in Korinth am stärksten sein. Und ein körperlich kranker Missionar namens Paulus wird aus dem Knast einen Brief an die Gemeinde in Phillipi schreiben und im zweiten Kapitel ein wunderschönes Lied von diesem »Abstieg Gottes aus Liebe«, von diesem »gnädigen Herunterkommen« dichten.«


Gabriel räusperte sich wieder. »Und was das intellektuelle Bildungsniveau unserer Zuhörer angeht, verehrte Sopranistin: Die Menschen werden mit dem Geheimnis der Menschenwerdung Gottes nie fertig werden. Auch die Schlausten nicht. Aber wenn sie im Glauben anfangen, wenn sie sich auf die Socken machen und Jesus suchen - dann werden sie ihn tatsächlich finden. Bei einer himmlisch schönen Musik. Bei einem Gespräch auf der Arbeit. Nachts über einem Buch. Bei einem Gottesdienst, bei einem Gespräch mit Freunden. Die Menschen können ab jetzt Jesus überall begegnen - im unscheinbaren Stall, in miefigen vier Wänden. Die Symbole der Majestät und Herrlichkeit Gottes sind nicht Krone und Zepter, sondern Windeln und Krippe. Da könnt Ihr ihn finden, werde ich gleich den Hirten sagen. Die Erhabenheit unseres himmlischen Lichts, der Glanz, die Schönheit und die Harmonie unsers Engelgesangs erlischt ja schnell. Bald bedeckt sie wieder der ganz normale Nachthimmel, die Kälte des Winters und die soziale Kälte ihrer Arbeitskollegen und der Zwang zu gespielter Coolness. Deshalb schicke ich sie zu Jesus. Zum Licht. Zur Wärme. Zur begreifbaren und anschaulichen Liebe Gottes und...«


»Und doch,« unterbrach ihn der kirchengeschichtlich weitsichtige Engel in der dritten Reihe, »und doch werden die Menschen jahrtausendelang immer um diese Jahreszeit alles zusammentragen, was sie an unseren Auftritt erinnert. Kerzen und Sterne, Baumschmuck und Lichterketten, Salzteig-Engel und Rauschgoldlametta. Und je heller sie ihre Schaufenster und Strassen erleuchten, umso finsterer schauen manche aus den Augen. Dabei könnten sie 365 Tage im Jahr an der Krippe stehen und ihre geistigen und geistlichen, ihre emotionalen und sozialen Dunkelheiten und Abgründe ans Licht bringen. Ganz ohne Angst vor Bloßstellung. Vorwürfe, Verletztheiten, Lügen, Gleichgültigkeit, Untreue, Haß, Traumata - alles würde Gottes vergebende, gnädige Liebe ihnen abnehmen. Wenn sie Vertrauen hätten, das Jesus tatsächlich ihretwegen auf die gekommen ist.«


»So, ich hoffe, der Gesangstext ist klar, die Umstände unseres Konzertes auch?« fragte Gabriel in die strahlend helle Runde der himmlischen Heerscharen hinein und sein Taktstock zitterte ein wenig vor Erregung.


»Na ja...« - zögernd meldete sich ein Tenor, »und was ist mit der zweiten Zeile: Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens? Heißt das, nur die Menschen, an denen Gott Gefallen hat, weil sie Jesus annehmen, nur die werden Frieden bekommen in ihr Leben? Ich meine, wenn das so ist, dann sollten wir wirklich lieber gleich im Tempel auftreten oder nur den strengen frommen Mönchen im Wüstenkloster Qumran erscheinen.«


»Oh nein, danke für den Hinweis«, seufzte Erzengel Gabriel und raufte sich das volle Engelhaar, »der Friede Gottes - also dieser umfassende Zustand von Schalom, von geheilten Beziehungen überallhin - dieser Friede Gottes ist für alle Menschen gedacht und gewollt. Wir könnten auch singen: Friede allen Menschen, denen Gottes Wohlwollen gilt. Leider werden sich aber nicht alle davon beschenken lassen. Und lieber weiterwurschteln in Gleichgültigkeit gegen Gott, Streit und Haß und Gewalt gegeneinander und im Widerstreit mit sich selber. Bis zum Zerbruch von Familien, bis zu Gewalt in der Sexualität, bis zu Kapitalverbrechen und Bürgerkrieg kann das führen, daß Menschen dieses Geschenk des Friedens rigoros ablehnen.« »Obwohl sie sich sonst alljährlich um diese Zeit jeden nur erdenklichen Scheiß schenken lassen werden«, brummte der kirchengeschichtlich profetische Chorist in der dritten Reihe, was ihm einen strengen Blick von Gabriel einbrachte. »Nur weil das leider so ist«, fuhr der fort, »ereignet sich der Friede Gottes oft nur im kleinen Kreis der Frommen. Ursprünglich gedacht aber ist er für alle und heute nacht, ab jetzt und für immer bekommt jeder Mensch die Gelegenheit, diesen Frieden Gottes und sein Wohlgefallen anzunehmen. Was positiverseits dazu führen wird, daß sehr unterschiedliche Glaubende gemeinsam vor Jesus stehen werden und ...«


»Hehehe«, gluckste der Vorausschauer dazwischen, »ich stell' mir grad die drei reichen, superschlauen Astrophysiker aus Babylonien vor, edel gekleidet wie Könige, wie sie direkt neben den lumpigen, verschwitzen Hirten an der Krippe knien.«


»Jaja,. ist ja gut«, Gabriel wurde ungehalten, »also sehr unterschiedlich geprägte Menschen werden gemeinsam im Frieden miteinander leben können, weil...« Der Ärmste wurde schon wieder unterbrochen:


»Und wieso dann »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens?« Was soll der Konjunktiv? Frommer Wunsch oder was?« Die Harfenspielerin war erstaunlich frech für einen Engel.


»Unsinn!«, Gabriels Stimme wurde scharf, »ich meine damit: So soll es sein. Und zwar genau in der Reihenfolge. Als logische Folgerung. Wer Gott Ehre machen will, wer Gott danken und loben will, tut das am besten damit, daß er den Menschen Frieden vorlebt, daß er Frieden stiftet. Erst die Anerkennung Gottes, dann die Versöhnung und Vergebung, der Friedensschluß untereinander und dann das gemeinsame Schaffen für das Wohl aller Menschen. Ich hoffe, jetzt ist alles klar und wir können...«


Aber da wurde die Chorprobe, zu der es ja noch gar nicht gekommen war, jäh unterbrochen. Der Himmel riß auf. Dem ganzen Ensemble wurde der Boden unter den Füssen weggezogen. Die pechschwarze Kälte einer palästinensischen Winternacht schlug Sängerinnen und Sängern entgegen. Gabriel stand tief unten zwischen dem zusammengeflochtenen Dornengestrüpp und den notdürftig gezimmerten Weidezäunen und rief dauernd »Fürchtet Euch nicht! Fürchtet Euch nicht. Ich verkündige Euch große Freude. Freude, kapiert?!« Aber unter den irdischen Verhältnissen klang sein wundervoller Bariton wie ein rollender Donner von einem Horizont zum andern. Die Harfenspielerin freute sich unbändig, eben nicht in einer weihevollen Krönungsmesse im Tempel zu spielen, sondern vor verdutzten Hirten auf einem nächtlichen Open Air Festival umsonst und draußen. Der Tenor memorierte noch schnell die Reihenfolge »Ehre Gottes, Friede auf Erden, allen Menschen gilt Gottes Wohlgefallen«, die kiebige Sopranistin jubilierte im Sturzflug so himmlische Tonkaskaden, daß alle Nachtigallen des Nahen Ostens schlagartig verstummten und der kirchengeschichtlich weitsichtige Chorist aus der dritten Reihe - der kritzelte den wunderbar kurzen Liedtext auf einen Zettel. »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden. Euch ist heute der Heiland geboren. Christus, der Herr. In Windeln, in einer Krippe im Stall!«


»Falls mal irgendein Arzt oder Evangelist das Ganze aufschreiben will«, dachte er beim Landeanflug, »sicher ist sicher.«


Und dann wurde alles so aufgeführt, wie wir es seit 2000 Jahren in der Weihnachtsgeschichte des Lukas lesen. Hunderte von Millionen sind Jesus seither begegnet. In dem Moment, wo sie Gottes Geschenk bewußt und willentlich annahmen: Liebe. Begnadigung, Versöhnung.


Dasselbe wünscht Ihnen/Euch



Andreas Malessa



Predigt von Andreas Malessa beim Jugendgottesdienst

(Jugo Stiftskirche) Stuttgart am 3.12.2000

Quelle: www.jugo-stuttgart.de

 

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Werner Baur

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