06.03.2018 - Autor: Steffen Kaupp, EJW-Landesreferent & Projektpfarrer, Stuttgart

Immer wieder neu ins Leben aufbrechen

Annika Rist, eine der 11 Präsentatoren bei der Night of Life 2018 / ©Steffen Kaupp

Die "Night of Life" 2018 erzählte von Wendepunkten, Abschieden und Neuanfängen

Immer wieder neu ins Leben aufbrechen

„Ich wollte gerne Ballettlehrerin oder Skilehrerin werden, aber mein Vater wollte, dass ich etwas Solides lerne“, erzählt Tina Knicky. Und das war eine Bankkauffrau-Lehre, zu der hin sie morgens unter Tränen aufbrach. Und abends habe sie ein zweites Mal geweint: „Denn ich wusste, dass ich am nächsten Morgen ja wieder hin muss.“

Die 4. „Night of Life“ (NoL) hatte im Metzinger Bindhof Anfang März elf Präsentatorinnen und Präsentatoren zu Gast. Aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten und Altersgruppen. Sie kommen an diesem Abend zusammen, um sehr persönlich von Wendepunkten, Abschieden und Neuanfängen zu berichten. In einem kurzweiligen Format, das insgesamt nie länger als 500 Sekunden pro Person aufweist. Und ihre Erfahrungen berühren und gehen unter die Haut.

Wie die von Tina Knicky, die, um ihrem Herzen zu folgen, Abschied nehmen musste, auch von den Eltern und von Freunden. An diesem ersten Wendepunkt entdeckt sie für sich die Physiotherapie. Sie landet anschließend als Therapeutin im Team des VFB Stuttgart. Wieder merkt sie: Das ist noch nicht alles. Es sind Mosaiksteine, für die sie dankbar ist, doch „das große Ganze“, das immer wieder ihre Perspektive bestimmt, spürt deren Begrenztheit und Befristung. Sie bricht nach Amrum auf und eröffnet auf der Insel eine eigene physiotherapeutische Praxis. Die läuft – und zwar so gut, dass sie bald schon ihren Arbeitsbeitrag unterbricht und für ein halbes Jahr nach Kuba aufbricht. Sie fängt an, Ballettunterricht zu nehmen - Lebensträume können wahr werden, wenn Lebensmut uns immer wieder aufbrechen lässt.

Etliche der vielen Besucher müssen den ganzen Abend über stehen. Klaus Kullen, Mitinitiator des Events, sagt, dass sich die Verantwortlichen kurz vor Beginn des Programms Gedanken machten, die Zugangstür zum Bindhof zu schließen: „Es sind einfach zu viele!“ Die Verantwortlichen improvisieren: Die Musiker der Band „Wir und die anderen Zwei“ werden gebeten, im Performancebereich sitzen zu bleiben, damit wenigstens ein paar Stühle wieder frei werden. „Für die, die sich mit dem Stehen einfach schwer tun“, lädt Moderatorin Miriam Mourid ein. Dieses Mal führt sie mit dem Bezirksjugendpfarrer von Bad-Urach-Münsingen Tobias Schreiber gekonnt durchs Programm.

Die Powerpoint-Folien werden automatisch nach 25 Sekunden jeweils weitergeschaltet. Wer nach mindestens 10 Folien „genug von Powerpoint“ hat, kann im 2. Teil seines Erzählens eine Performance bzw. eine Aktion beitragen. Michael Dekanapoulos, Dekan des Evang. Kirchenbezirks, wählt diese Variante und wirft einen Mikrofonwürfel ins Publikum - mit der Frage „Wo fühlen Sie sich immer wieder mal fremd? In welchen Situationen?“ Leute antworten „auf Reisen“ oder „wenn ich mit unbekannten Menschen zusammenkomme“ oder "ich lag in einem fremden Land allein im Krankenhaus" und werfen den Würfel, die sogenannte „CatchBox“, zu weiteren Personen im Saal.

Sehr offen und mit existentieller Tiefe schildern die Präsentatoren, die unterschiedlichen Alters sind und aus unterschiedlichen Lebenswelten stammen, ihre Wendepunkt-Erfahrungen. Bei Sabine Funk und Klaus Reichle führte ein finanziell sehr erfolgreiches Unternehmertum zu einem Burnout und dem Gefühl innerer Leere. Heute begleiten sie Menschen bei der Suche nach neuen Visionen. Sie wollen von innen her öffnen, denn: „Wenn ein Ei von innen geöffnet, entsteht Leben, wenn es von außen geöffnet wird, nur Zerbruch.“
Edeltraud Briegel, eine Lehrerin, die gerade in den Ruhestand getreten ist, berichtet von entscheidenden Träumen in ihrem Leben: Wie sie auf den verstorbenen Vater traf, der sie endlich umarmt. Ein Traum mit großer realer Wirksamkeit: "Das war tröstlich und hat gut getan." Ein entscheidender innerer Wendepunkt.
Ihre Eltern stammen aus Vietnam. Thai An Vu ist aber ganz in Deutschland aufgewachsen. Was prägt nun ihre Identität? Die junge Frau erzählt davon, wie sie ausgelastet war: "Es reichte mir, die Erwartungen zu erfüllen, die an mich gestellt wurden. Eigene Erwartungen hatte ich quasi keine." Dann keimte Leben auf, auch durch die Gründung des ersten Jugendverbandes einer "Migranten-Gemeinde".
Schlagzeug- bzw. Musiklehrer Marco Kammerer bietet nach seinen Schilderungen, wie er von einem klassischen Angestelltenverhältnis den Sprung in die Selbstständigkeit wagte, ebenfalls eine Performance im 2. Teil deiner Präsentation mit asiatischen Klatschrhythmen.
Michael Donth, Bundestagsabgeordneter, erzählt von "Abbiegungen" in seinem Leben, die ihn schließlich auch nach Berlin ins Parlament brachten. Das Netzwerken sei dort eine entscheidende Aufgabe.
Uli Schwenk, Europa- und Vizeweltmeister im Segelflug, gibt amüsant und offen zu, dass er selbst nicht auf eine Leiter hochklettern kann wegen der "Höhenangst", aber gibt er zu bedenken, „wenn man sich bewusst macht, dass Flügel einen tragen, dann hat man vor nichts mehr Angst“.
Dieter Baumann, Chirurg mit einer 60 Stunden Woche, die ihm und seinem team aber nicht nur immens Kraft kostet, sondern auch Energie schenkt, "weil die Zeit für und das Eingehen auf den Patienten extrem Vorrang hat. Wir wollen das Beste für unsere Patienten." Quellen der persönlichen Regeneration sind für ihn Bilder und Erfahrungen, die in die Weite führen und blicken lassen.
Beate Harr-Hils und Frieder Hils, heute unter anderem Oma und Opa, führen aus, was ihr Leben erfüllt hat - sie 30 Jahre als Single in Taiwan lebend, er als ordentlicher Notar im Ermstal seine Tage gestaltend. Letztes Jahr ihr entscheidender Wendepunkt: die Hochzeit in höherem Alter! Der gemeinsame Gottesglaube waren ihnen hilfreich bei dieser wichtigen Entscheidung.

Der Abend bietet weit mehr als "nur Präsentationen": Die Lebensgeschichten, die geschilderten Wendepunkte und der Mut oder das Aushalten darin verstricken die Zuhörerinnen und Zuhörer, erinnern gefühlvoll an eigene ähnliche Erfahrungen oder wecken die Sehnsucht, selbst auch nochmals für Veränderungen offen zu sein. Diese sanften Schwingungen finden angenehmen Widerhall durch den harmonischen Folkrock der Band des Abends "Wir und die anderen Zwei": Ein optimaler Soundtrack für Begegnungen der Menschen in den Pausen. Und der TV Neuhausen sorgt für ein Catering, das auch das Leibliche des Menschseins freundlich bedenkt.

Die junge Erwachsene Annika Rist schildert auf intensive Weise, wie behütet und gesegnet sie aufgewachsen ist - und welche explosive Wucht die Trennung ihrer Eltern nach und nach für sie brachte. Ein Wendepunkt, der sie aber auch mit neuen Freundschaften beschenkte und wichtigen Einsichten, was diesen gut tut. „In dieser Zeit habe ich mir meine Haare auch immer wieder anders gefärbt.“

Vielleicht hat dies Symbolkraft: Wendepunkte und die Lebensgeschichten dahinter tragen Farben in unser Leben, auch wenn sie mit bitteren Abschieden zu tun haben. Sie bringen „eine Wende, nicht das Ende“, wie Steffen Kaupp, EJW-Landesreferent und Projektpfarrer für „milieusensible Arbeit“ in einem kurzen PoetrySlam zu Beginn andeutete. Jetzt, am Ende, bedankt sich Michael Möck, Bezirksjugendreferent in Bad Urach-Münsingen, für den Mut und die Offenheit aller Präsentatoren, die dies mit ihren Lebensgeschichten beeindruckend anschaulich machten.

-> hier geht's zum Bericht in der Südwestpresse

-> und hier zum (kostenpflichtigen) Artikel im Reutlinger General-Anzeiger

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Thai An Vu

Informatikerin & Ehrenamtliche im EJW-Weltdienst

"Zuerst habe ich gedacht, ich bin ja schon selber Migrantin und in Migrantengemeinden aktiv. Doch in Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen und in anderen Ländern habe ich einen neuen Schatz entdeckt. Es macht Spaß Erfahrungen zu teilen."

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