15.07.2016 - Autor: Peter Dietrich

Jugendliche im großen Strom

Foto: Peter Dietrich / EJW

Fachtagung „Wie ticken Jugendliche 2016?“ im EJW-Tagungszentrum Bernhäuser Forst

„Die heutigen Jugendlichen sind mehr Mainstream, aber ganz gewiss nicht schlechter als ihre Eltern“, sagte Peter Martin Thomas, Leiter der SINUS:akademie, bei der Tagung „Wie ticken Jugendliche 2016?“ der Akademie der Jugendarbeit Baden-Württemberg.  Zu ihr waren etwa 100 Mitarbeiter aus kommunaler und kirchlicher Jugendarbeit aus dem ganzen Land in den Bernhäuser Forst, dem Tagugszentrum des Evang. Jugendwerks in Württemberg, gekommen.

In sieben „Kartoffeln“ gliedert auch die neue SINUS-Jugendstudie 2016 die Lebenswelten Jugendlicher von 14-17 Jahren: von konservativ-bürgerlich  bis experimentierfreudig, von prekär bis hoch gebildet und sozial-ökologisch orientiert. „Der einzelne Jugendliche ist komplexer“, betonte Thomas beim spannenden Einführungsreferat. „Das ist keine Persönlichkeitstypologie, das ist ein Zielgruppenmodell.“
In fünf Themeninseln ging es darum, wie die Jugendarbeit auf die Ergebnisse der Studie reagiert. Besonders schnell ist der Wandel bei den digitalen Medien: Kaum ist Facebook in der Jugendarbeit angekommen, sind die Jugendlichen schon wieder weg davon. „Nach vier Jahren Hype ist das schon wieder out“, sagte Thomas. Der Buchdruck habe sich in 200 Jahren durchgesetzt, das iPhone in weniger als zehn Jahren. Die größte Konstante in einer belebten Kindheit zwischen Finanzkrise, NSU-Skandal und Flüchtlingen heiße Angela Merkel.

Die Erkenntnisse der neuen qualitativen Studie lassen Jugendliche besser verstehen. Warum sind die Jugendlichen immer mehr Mainstream? Das liege daran, dass die Welt immer unübersichtlicher werde. Im großen Strom sei das Leben viel einfacher. Normalsein sei okay, Mainstream kein Schimpfwort mehr. Auch das Bildungssystem begünstige und fördere diese Ausrichtung. Wenn so vieles akzeptiert sei, sei es sehr schwer, etwas zu tun, das nicht mehr Mainstream sei. Daraus folge auch ein entspanntes Verhältnis zwischen den Generationen: Sie trügen die gleiche Kleidung und hörten dieselbe Musik. „Meine Musik wird akzeptiert, ich darf die Freundin mitbringen, bekomme zu essen und die Wäsche gewaschen, warum soll ich da von zuhause ausziehen?“

Die Eltern, so Thomas, seien auch die wichtigsten Vorbilder bei der Partnerschaft, positiv und negativ. Gefragt seien Vertrauen, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit. Ziel sei, eine stabile Partnerschaft bis zum Alter von 35 Jahren „geschafft zu haben“. Bildungsnahe Lebenswelten legten großen Wert auf eine Beziehung auf Augenhöhe. „Postmodernen Jugendlichen ist die Persönlichkeitsentfaltung wichtig. Man will sich nicht dauernd dafür rechtfertigen müssen, was man tut.“ Religion spiele bei Partnerschaften und in Freundschaften keine Rolle – außer bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund und religiös Sozialisierten. „Die Toleranz hier ist seit 2012 eher gestiegen.“ Jugendliche nehmen religiöse Konflikte war und lehnen religiös motivierte Gewalt durchweg ab. Nationalität ist für die Jugendlichen nicht so wichtig, Freundeskreise sind oft multireligiös und multikulturell.

Das geschichtliche Interesse gilt vor allem dem Nationalsozialismus. „Was danach kommt, ist Gegenwart und findet in der Schule nicht statt.“ Der Klimawandel scheint weit weg, Umweltschutz ist kein Argument für die Busfahrt, „aber wenn der Bus WLAN hat“. Faire Kleidung ist aus Sicht der Jugendlichen „zu teuer, zu kompliziert und sieht scheiße aus“. Wer Jugendlichen mit Umweltschutz kommt, so ein Ergebnis der Themeninsel „Nachhaltigkeit“, sollte auf keinen Fall den Verzicht betonen.
Vom Smartphone sind Jugendliche in bestimmten Situationen genervt, etwa wenn ein Klingeln alle Romantik zerstört. Sie zeigen erste Anzeichen digitaler Sättigung, wollen nicht ständig noch mehr neue Geräte und Techniken. Jugendarbeit kann helfen, so ein Ergebnis der Themeninsel „Digitale Medien“, die Balance zwischen Sucht und Begeisterung zu finden, und mit der Angst, etwas zu verpassen und dem Stress der ständigen Erreichbarkeit umzugehen.

Unkonventionelle Ideen wurden auf der Themeninsel „Mobilität“ erarbeitet. Eine Landgemeinde könnte Jugendlichen einen Zuschuss zum Führerschein geben, wenn sie anschließend Fahrdienste übernehmen. Eine App hilft, freie Plätze im Elterntaxi zu belegen, eine Jugendkonferenz bringt junge Leute in die Straßenbahn und zu Problempunkten.

„Es ist gefährlich, sich religiös zu outen“, sagte Steffen Kaupp vom Evangelischen Jugendwerk in Württemberg in der Themeninsel „Glaube und Religion“. Die eigene christliche Einstellung werde daher von den Jugendlichen gleich wieder relativiert. Den Dreiklang „institutionelle Zugehörigkeit – persönlicher Glaube – aktives Mitwirken“ gebe es am ehesten noch im bürgerlich-konservativen Milieu. „Sonst sind das drei getrennte Zahnräder.“ Entscheidend für die religiöse Entwicklung sei die Familie: „Wer Jugendarbeit betreibt, muss deshalb auch Elternarbeit betreiben.“

Am Ende präsentierten alle Themeninseln, die fünfte widmete sich dem Thema „Flucht und Asyl“, ihre Ergebnisse in einer kleinen Ausstellung, deren Vernissage zugleich Finisage war. Das anschaulichste Objekt war der historische Medienkoffer von der Themeninsel „Digitale Medien“. Denn die Selbstreflexion gehörte für die Jugendmitarbeiter dazu: Welche Medien haben mich selbst als Kind geprägt - bekomme ich etwa beim Walkman leuchtende Augen?

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Werner Baur

Oberkirchenrat

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