25.06.2012 - Steffen Kaupp, ejw

Kinder und Jugendliche beteiligen statt bevormunden

Podiumsdiskussion beim 44. Landesposaunentag in Ulm

Oft genug entscheiden immer noch Erwachsene darüber, was Kinder und Jugendliche wollen und was gut für sie ist. Doch der Koalitionsvertrag der baden-württembergische Landesregierung sendet ein deutliches Signal ins Ländle hinaus: "Bei allen sie betreffenden Fragen sollen Kinder und Jugendliche an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden." Welche Chancen und Grenzen sich bei einer solchen Partizipation tatsächlich zeigen, diskutierten am vergangenen Sonntag im Rahmen des 44. Landesposaunentags in Ulm Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July, Evang. Landeskirche in Württemberg, Innenminister Reinhold Gall (SPD), der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner und Martin Burger, Landesreferent für Jugendpolitik im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg (ejw) mit Jugendlichen.

Positiv und zufrieden

Von überwiegend positive Erfahrungen mit ihren Beteiligungsmöglichkeiten berichteten die Jugendvertreter. In wichtigen Lebensräumen wie kirchliche Jugendarbeit, Schule oder Kommune erfahren sie, dass sie bei Abiball, Lerngruppen, Jungschar, Sportevents oder Bauvorhaben ihre Ideen einbringen und bei Projekten mitgestalten und mitentscheiden können. Oberbürgermeister Gönner ergänzte eindrucksvoll, dass es in Ulm seit 20 Jahren ein Kinder- und Jugendparlament gäbe. Dieses sei für die Kommunalpolitiker ein wichtiger Gesprächspartner, wenn es um die konkreten Belange von Jugendlichen ginge. Dabei sei es entscheidend, dass in diesem Kinder und Jugendliche aus allen Stadtteilen und allen Schularten vertreten seien. „Es sollen unterschiedliche Lebenswirklichkeiten repräsentiert sein“, so Gönner. Die letzte Aktion dieses Organs in der Fußgängerzone erhob „was am meisten fehle“: „Ein „Zara“-Laden und ein „Starbucks“ standen ganz oben auf der Wunschliste der Ulmer Jugendlichen“, so Gönner. Neben konkreten Freizeit- und Konsumanliegen sei aber auch der Nahverkehr eines der beliebtesten Themen junger Menschen über die Jahre. „Und Top-Thema ist Sicherheit!“

Innenminister Reinhold Gall flankierte diese geschilderten Erfahrungen. Er selbst habe als junger Mensch in der evangelischen Jugendarbeit erlebt, wie wichtig diese Stimmen sind: Bei der Planung eines neuen Spielplatzes habe man eigene Vorstellungen formuliert – und: Diese Wünsche wurden umgesetzt. Seitdem ist der Minister überzeugt: „Einmischen lohnt sich, auch wenn man gar nicht gefragt ist.“

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Innenminister Reinhold Gall (SPD) und Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July

Landesbischof Otfried July erinnerte, dass die Kirche schon immer „Beteiligungskirche“ sei. So seien die lenkenden Gremien wie Landessynode oder Kirchengemeinderäte Gremien, die aus gewählten Repräsentanten bestünden. Und erst jüngst habe man sich für die Senkung des Wahlalters auf 14 Jahre verständigt und in der Landessynode Jugendsynodale zugewählt. „Die kirchliche Arbeit ist sich bewusst, wie wichtig die Arbeit mit Jugendlichen ist“, so July. Allerdings zeige sich in den letzten Jahren eine Verselbständigung von Arbeitszweigen und man müsse sich fragen, wie es noch zum Miteinander der Generationen im Mehrgenerationenhaus Landeskirche kommen kann. „Als Kirche können wir nicht in Neigungsgruppen auseinanderfallen: Es kann nicht sein, das am Ende jede Neigungsgruppe noch ihren eigenen Neigungsgottesdienst feiert.“ Es ginge darum, der eine Leib Christi zu bleiben und Brücken zu bauen.

Die anwesenden Jugendvertreter konnte dies gerade mit Blick auf die gegenwärtige Landschaft an Jugendgottesdiensten und Jugendkirchen nicht überzeugen. Hindernisse und Stolpersteine „Kann man Kinder und Jugendliche wirklich bei allen sie betreffenden Fragen mitentscheiden lassen?“ - Als Moderator Harald Alber, ehrenamtlicher Vorsitzender des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg (ejw), etwas kritischer nachhakte, ob denn die Absicht des Koalitionsvertrags der Landesregierung nicht zu ambitioniert sei, kam man doch auch auf Hindernisse in Bezug auf die Partizipationsmöglichkeiten junger Menschen zu sprechen.

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von links nach rechts: Innenminister Reinhold Gall (SPD), Landesbischof Frank Otfried July, Harald Alber (Vositzender ejw), OB Ivo Gönner, Martin Burger (ejw)

Martin Burger, ejw-Landesreferent und Vorstandsmitglied im Landesjugendring, machte deutlich, dass die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ein Grundprinzip der Jugendarbeit sei, aber noch lange nicht verwirklicht. „Natürlich erleben wir, dass Kinder und Jugendliche informiert und dann auch in Prozesse mit einbezogen werden. Aber: Bei der Mitbestimmung auf der dritte Stufe, beim definitiven Entscheiden gibt´s oft Frust.“ Immer wieder höre man von Jugendlichen: „Das machen die Erwachsenen allein.“ Ein Jugendlicher unterstrich: „Wenn Lehrer dann sagen, das wollen wir nicht, gibt es keine Möglichkeit für Schüler, demokratisch dagegen zu votieren.“

Innenminister Gall betonte das hehre Ziel der Landesregierung angesichts solcher Erfahrungen: „Wir wollen eine Politik der Augenhöhe, der Transparenz und des Bürgerdialogs – von jung bis alt.“ Beteiligung sei ein lebendiges Merkmal einer lebendigen Demokratie. So habe man nun auch die Rahmenbedingungen einer Beteiligung in der Gemeindeordnung gesetzlich geregelt: „Damit können die so verschiedenen Kommunen sich für die Beteiligung der Bürger öffnen, aber eben in je unterschiedlicher Form.“ Der Bürgerdialog bei Stuttgart 21 habe gezeigt, wie sinnvoll es sei, dass man Probleme gemeinsam diskutiere und so konsensorientiert breite Akzeptanz herstellt. Eine variable Lösung bei Beteiligungsrechten Jugendlicher sei in der Tat zu begrüßen, ergänzte der Landesbischof. „Es geht nicht, Kommunikationsprozesse aus der Welt der Erwachsenen in die Welt Jugendlicher zu übertragen. Wir müssen Freiräume schaffen, wo Jugendliche ihre eigenen Formen entwickeln können und sich dabei selbst wohl fühlen.“ Mit „pro forma“ sei nichts zu gewinnen. Beteiligung hat ihren Preis Burger bestärkte, dass es hierbei um ein gesundes Maß und gute Formen ginge. Der Landesreferent berichtete von einer äußerst beteiligungsfreundlichen Schule in Berlin, an der Schüler angeblich schon ein Zuviel an Mitgestaltung beklagten.

Innenminister Gall unterstrich, dass Beteiligungsrechte auch eine mühsame Seite hätten. Jugendliche sollten nicht nur warten, bis jemand auf sie zukomme, sondern sich von sich aus einbringen – und zwar auch „mit Vertrauen zu denen, die als gewählte demokratische Repräsentanten in Funktionen zugange sind“. Dies sei eine Frage demokratischer Stabilität. Und dabei sei die wichtige Erfahrung zu akzeptieren, dass man nicht immer nur den eigenen Kopf durchsetzen könne: „Wir müssen lernen, dass es beim Bürgerdialog am Ende keine Verlierer gibt und dass Gewinner auch nicht nur jubilierend unterwegs sein können.“ Der Blick auf die Kraft der Argumente sei einzuüben. OB Gönner legte dazu: „Wir können nicht alles durch Konsens-Konferenzen mit Konsens-Soße lösen. Am Ende muss man auch die Verantwortung für Entscheidungen übernehmen - auch wenn`s Sturm gibt!“ Es gehe nicht nur darum, bei Mitgestaltung und Mitbestimmung den eigenen Kopf durchzusetzen, sondern auch den eigenen Kopf hinzuhalten. Auch wenn die Partizipation von Kindern und Jugendlichen bei Entscheidungsprozessen mühsame Seiten, so waren sich alle Beteiligten einig, dass junge Menschen ganz ernst zu nehmen und die Beteiligungsprozesse weiter zu entwickeln sind. „Auch wenn das Optimum erst erreicht sein wird, wenn man im Reich Gottes sei“, so der Landesbischof.

(Redaktion: Eberhard Fuhr)

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