26.07.2006

Klassische Musik statt HipHop

Ältester Posaunenchor Deutschlands bläst seit 300 Jahren

Im Jahr 1706 begleiteten zum ersten Mal drei Bläser den Gemeindegesang in der Merklinger Kirche "Zu den Heiligen drei Königen" – eine Tradition, die bis heute Bestand hat.


Stuttgart. Die Mitglieder der "Merklinger Kirchenmusik" - so der offizielle Titel des Posaunenchors - , sitzen auf der Empore auf schlichten Holzstühlen mit den hellgrünen Kissen, auf denen rote Kirschen abgedruckt sind. Sie haben die Trompete, die Tuba, die Querflöte oder die Posaune am Mund und spielen – immer im Wechsel mit der Orgel. Seit über 300 Jahren. Sonntag für Sonntag. Natürlich haben sich die Bläser verändert und auch das, was sie spielen. Aber dass sie spielen, gehört seit 300 Jahren zum Gottesdienst in der Evangelischen Kirche in Merklingen. "Wir sind wohl der älteste Posaunenchor Deutschlands", meint Peter Bachteler, der im Chor seit 1966 das Flügelhorn bläst und zum Jubiläum eine Chronik über "300 JahreKirchenmusik Merklingen" verfasst hat.




Den Beweis für die 300-jährige Geschichte fand Bachteler in einem Rechnungsbuch aus dem Jahr 1714: Damals unterzeichnete der zuständige Obervogtin Geislingen einen Erlass, in dem er den "Lieben Ambtmann" in Merklingen anweist, die Kirchenmusiker zu bezahlen. "Die Bläser bekamen ihr Geld jedes Jahr am 6. Januar, dem Fest der Merklinger Kirchenheiligen und mussten den Empfang quittieren", erzählt Bachteler. Deshalb liegt bis heute eine lückenlose Bläserliste vor. Und mit der lässt sich auch belegen, dass fast alle heutigen Merklinger Chormitglieder irgendwie mit den drei ersten Bläsern verwandt sind. Bachteler nicht, er ist aus Stuttgart nach Merklingen gezogen, der Liebe wegen. "Aber einige Vorfahren meiner Frau waren schon bei der Kirchenmusik", erzählt er.


Seine Frau selbst ist jedoch kein Mitglied der Merklinger Kirchenmusik. Bis in die 80-ger Jahre nämlich war die in Merklingen nämlich reine Männersache. Nach dem Motto: "Solange wir genug Buben als Nachwuchs haben, brauchen wir keine Mädchen", sagt Bachteler und lächelt. Dass inzwischen ein Drittel der Musiker weiblich ist, liegt an der Querflöte. Die Männer wollten lieber in ein Blechinstrument pusten, für die zierliche Querflöte hat sich bisher nur ein einziger begeistern lassen. "Also haben wir Mädchen für die Querflöte gesucht", gibt Bachteler zu. 1982 kamen die ersten beiden Flötistinnen in die Männertruppe, beide sind noch heute dabei.Und mittlerweile sind die Querflöten in der Kirchenmusik stark vertreten, "diese und unsere Fagotte sind eine weitere Besonderheit unserer Kirchenmusik", erklärt Bachteler.


Aber nicht nur die Zusammensetzung der Bläsergruppe hat sich in den letzten 300 Jahren verändert, auch das Repertoire. "In den 50-ger Jahrenwar es noch ein Verbrechen, Jazz zu spielen", erzählt der Chronist. Stücke der Beatles oder "richtig moderne Musik" aber stehen immer noch nicht auf dem Programm, erklärt Arabella Mutschler. "Dass wir Rockmusik wie eine Blaskapelle spielen, kann ich mir auch nicht vorstellen". Die 19-Jährige kichert. Sie ist eines der Nachwuchstalente im Chor und spielt hier seit elf Jahren Waldhorn. Und auch wenn die Kirchenmusik klassische Musik statt Hip Hop und "Geh aus mein Herz und suche Freud" statt des neuesten Hits von Robbie Williams intoniert: Nachwuchssorgen hat man in Merklingen in den letzten zehn Jahren nicht mehr gehabt. Regelmäßig gibt es Ausbildungskurse für neue Mitglieder "und die voll zu bekommen, war in dieser Zeit kein Problem", weiß Bachteler.




Bei der Auswahl der neuen Bläser setzen die Musiker noch immer auf eine alte Tradition: "Die Kirchenmusiker werden vom Herrn Pfarrer und Amtmann erwählt und angenommen, sollen aber zur Prob sich hören lassen und sodann alle Sonntag fleißig in der Kirche erscheinen" hieß es schon im Jahr 1749. Eine Regel, die – zumindest teilweise - bis heute Bestand hat. Noch immer entscheiden Bürgermeister und Pfarrer nach einem öffentlichen Vorspiel, welcher Jungbläser mitspielen darf. Dass einer der beiden den Daumen gesenkt und einemNachwuchsbläser die Aufnahme verweigert hat, daran kann sich Bachteler nicht erinnern. "Wir sorgen schon dafür, dass unsere Jugendlichen fit sind, wenn sie vorspielen", meint er.


Sonntags sitzen deshalb nicht nur etliche "Männer der ersten Stunde", die die Kirchenmusik nach dem Zweiten Weltkrieg als Konfirmanden übernommen und weitergeführt haben, auf der Empore, sondern auch zahlreiche junge Menschen. Die müssen sich allerdings mittlerweile nicht mehr jeden Sonntag zum Gottesdienst aus dem Bett quälen: Inzwischen hat sich die Kirchenmusik in zwei Gruppen aufgeteilt und jeder Bläser muss nur noch jeden zweiten Sonntag ran. "Das finde ich gut", sagt Arabella Mutschler, "denn wenn ich sonntags früh im Gottesdienst spiele, muss ich am Samstagabend ja schon ziemlich früh ins Bett."




Manchmal aber werden auch die Nächte lang für die Mitglieder der Kirchenmusik. Dann, wenn sie auf Dorf- oder Vereinsfesten auftreten. Solche Auftritt hat es früher nur "inoffiziell" gegeben, "erst in den 70-ger Jahren haben wir auch weltliche Musik in unser Programm aufgenommen und außerhalb der Kirche gespielt", erzählt Bachteler. Anfangs wohl nicht zur Freude der Kirchenobrigkeit, "weltliche Musik auf kircheneigenen Instrumenten, das fanden nicht alle gut", erinnert er sich.




Über 50 aktive Mitglieder hat die Merklinger Kirchenmusik zur Zeit, "auch wenn mal die Hälfte fehlt, können wir noch ordentlich musizieren", lobt Bachteler. Und dann kann er nicht mehr weiter erzählen: Montag, 20 Uhr, die wöchentliche Probe beginnt. Er greift nach seinem Flügelhorn und ein paar Minuten später klingt "Geh aus mein Herz" durch das Gemeindehaus neben der Kirche "Zu den drei Heiligen Königen". Das soll am Sonntag im Gottesdienst gesungen werden und da wollen die Bläser die Gemeinde natürlich ordentlich unterstützen. Wie eben in den letzten 300 Jahren auch.






Angelika Hensolt


 

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