16.11.2009 - rr

Landesstelle veranstaltet Fachtag zu „Jugendarbeit in den Milieus"

Nachdem in den letzten Jahren mehrere sozialwissenschaftliche Studien aufgezeigt haben, dass kirchliche Angebote die meisten gesellschaftlichen Bereiche gar nicht erreichen, machte das ejw dies zum Thema für die Jugendarbeit: „Warum hindern wir sie zu kommen?

Dazu veranstaltete die Landesstelle des ejw am 14. November einen Fachtag zu „Jugendarbeit in den Milieus".

  • Was hindert uns zu gehen?
  • Warum bauen wir unbewusst Barrieren auf?"

So fragte sich selbstkritisch das Vorbereitungsteam in der Ausschreibung des Fachtags. Die überraschend hohe Teilnehmerzahl von 120 Personen bestätigte, dass das Thema als dringend und drängend empfunden wird.


Nach einem Grußwort von OKR Prof. Dr. Ulrich Heckel, der die Auseinandersetzung des ejw mit diesem Thema als dringend notwendig begrüßte, moderierte Tobias Becker zur Einführung in das Thema einen „Talk mit Praktikerinnen und Praktikern aus der Jugendarbeit". Sie berichteten von verschiedenen Projekten, in denen versucht wird, mit Jugendlichen aus den Milieus zu arbeiten, die sonst von Kirche schlecht erreicht werden. Sie erzählten von ihren Motivationen und Frustrationen, von Barrieren und Erfolgen.


Im Hauptvortrag unter dem Titel „Postmoderner Brückenschlag und milieuübergreifende Ansätze - Barrieren, Fallen, Perspektiven" führte Dr. Heinzpeter Hempelmann in die Gesellschaftsstudie der Sinus Sociovision ein. Die Gesellschaft habe sich in den letzten drei Jahrzehnten radikal gewandelt. Der „klassische Tannenbaum" mit schmaler Oberschicht, breiter Mittelschicht und Unterschicht ist abgelöst durch die „Sinus-Kartoffel": Gesellschaft kann nicht mehr hierarchisch, sondern muss flächig beschrieben werden.
www.sociovision.de/
Ausführliche Beschreibung der Sinus-Milieus (Ansatz Marktforschung)

Für die Kirche sei durch diese Ergebnisse folgende „Bombe geplatzt": Von den 10 gefundenen Milieus würden von der Kirche nur zweieinhalb erreicht. Siebeneinhalb berühre die Kirche höchstens punktuell bei der Konfirmation. Diese Ergebnisse seien von Studien im Auftrag der katholischen Kirche und der EKD im Grunde bestätigt worden. Dazu kommt: Die von der EKD-Studie festgestellten mit der Kirche verbundenen traditionellen Milieus seien überaltert und würden absehbar deutlich kleiner werden. Die von der Kirche unberührten Milieus dagegen wachsen.

Wie kann die Kirche aber die bisher Unerreichten erreichen?
Dr. Hempelmann schlug vor, sich an der Art und Weise zu orientieren, wie Gott kommuniziert und missioniert. Der einschlägige Text dafür sei der Christushymnus aus dem Philipperbrief (Phil 2,6-11). Darin ganz wichtig: Gott gehe zu den Menschen, und ließe sie nicht zu sich kommen. In Jesus gebe Gott seine Herrlichkeit preis. Phil 2 zeichne die Wege für missionarisches Handeln eindeutig vor, was Dr. Hempelmann in folgenden Thesen ausführte:


1. Missionarische Kirche ist Grenzen überschreitende Kirche; ist Kirche, die ihr eigenens Milieu verlässt und sich auf andere Milieus einlässt.

2. Missionarische Kirche ist hingehende Kirche; ist Kirche, die programmatisch wechselt von der Komm-Struktur zur Geh-Struktur, vonder Komm-her-zu-mir Struktur zur Ich-geh-hin-Struktur. Sie ist Kirche, die nicht mehr darauf wartet, dass die Menschen zu ihr kommen, in ihre schönen Räume und zu ihren kulturell hochstehenden Angeboten. Sie ist Kirche, die mit den Menschen da kommuniziert, wo diese sind; wo sie leben.

3. Missionarische Kirche ist Kirche, die nicht nur theoretisch Interesse an den Menschen hat, sondern inter-esse praktiziert und deshalb zwischen ihnen, bei ihnen ist. Sie ist vielmehr als einladende Kirche, die sich als Angebot präsentiert. Sie ist engagierte Kirche, die sich konkret einmischt, dabei ist, dazwischen ist, wenn es um die Menschen geht. Die nicht ein - missionarisch-christliches - Angebot macht, sondern als Kirche und Christen Gott zu den Menschen bringt.

4. Missionarische Kirche ist sich preisgebende, ausliefernde Kirche. Jetzt wird´s hart. Sie sit Kirche, die ihre Identität, ihre Gestalt, ihre Gewohnheiten und Traditionen aufgibt, hinter sich lässt, die sich auch kulturell, spirituell und geistig arm macht, um - wenn´s d´rauf ankommt - bei den Menschen zu sein.

5. Missionarische Kirche ist liebende, die Menschen liebende Kirche. Liebe ist ihr Motor und Motiv. Sie hat diese Liebe da und dort, wo sie sich in die Liebesbewegung Gottes zum Menschen hineinnehmen und durch die Anschauung dieses Gottes immer wieder entzünden, durch seinen Liebe immer neu infizieren lässt.


Auch wenn diese Wege so klar seien, weist Dr. Hempelmann deutlich auf die Barrieren hin, die gewichtig und ernst zu nehmen seien. Allen voran die „Milieubarriere": Will das in der Kirche engagierte Milieu überhaupt eine andere Kirche? Was kostet es die bisherige treue Gemeinde, wenn sie mit der programmtischen Öffnung zu anderen Milieus ernst macht?

Die Schmerzgrenze der bestehenden (Kern-)Gemeinde war auch in der anschließenden Diskussion von Publikum und Podium (Jürgen Kehrberger, Tobias Becker, Dieter Braun, Dr. Andreas Bunz, Soziologe in Hohenheim, OKR Prof. Dr. Heckel und Dr. Hempelmann) Thema. Kann ein „Programmwechsel" in der Gemeinde dazu führen, dass zwar keine Neuen kommen, dafür aber die bisher Dazugehörenden wegbleiben? Das Podium war sich darin einig, dass das Thema auch deshalb ernst sei, weil es gerade wegen seiner Dringlichkeit Gemeinden und Hauptamtliche in die Überforderung treiben könne.


Wie Jugendarbeit in sonst kirchenfernen Milieus gelingen kann, präsentierten die Workshops am Nachmittag: Vor- und zur Diskussion gestellt waren das Projekt:

  • Brückenschlag (Tobias Becker),
  • Projekte von Young Life (Christoph Schneider),
  • Jugendkirchenfestival Stuttgart (Petra Dais),
  • Projekte CIA und Sonnenschein (Jesus AG Ludwigsburg)
  • Zirkuskarre Bernhausen (Hajo Zimmermann).


Dr. Andreas Bunz vertiefte in seinem Workshop die soziologischen Aspekte des Themas.


Der Fachtag machte erneut die Aktualität und Bedeutung des Themas deutlich. Die Teilnehmenden gingen mit neuen Einblicken und Anregungen, und vielen sich anschließenden Fragen zurück in ihre Arbeit vor Ort. Deutlich wurde, dass das Thema die Kirche tief in ihrem Selbstverständnis trifft: Verfehlen wir gerade unseren eigentlichen Auftrag? Deutlich wurden die Warnungen vor Allmachtsfantasien und Selbstüberforderung, vor zu schnellen zu weitgehenden Änderungen. Deutlich wurde, dass die Suche nach gelingenden Rezepten, nach weiteren Projekten mit weitreichender und nachhaltiger Wirkung weiter gehen muss.

Jens Scheilke-Hekermans

Webcode 2009ejw1114

 

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