21.12.2007 - Autor: rr

Lebt Jugendarbeit aus Fragen?

Inspirierende Impulse von Professor Dr. Martin Weingardt und Pfarrer und Evaluator Wolfgang Ilg


Bei der Verabschiedung von Hermann Hörtling, dem Fachlichen Leiter des ejw, am 16. November 2007 im Bernhäuser Forst haben Martin Weingardt und Wolfgang Ilg in einem Impulsreferat hilfreiche und weiterführende Fragen zur Evangelischen Jugendarbeit gestellt. Wir sind dankbar, dass sie uns ihr Manuskript zur Verfügung gestellt haben.


Wir bieten es zum Download an, weil es für die Jugendarbeit der nächsten Jahre entscheidend sein kann, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.


Hier ein paar Auszüge.

Der vollständige Beitrag ist zum Download hier (pdf-Datei 70 kb):

www.ejwue.de/upload

Informationen zur Verabschiedung von Hermann Hörtling:

www.ejwue.de/news/news_720.htm

Bilder von der Verabschiedung:

www.ejwue.de/bildergalerie




Wolfgang Ilg

Wer fragt, will nicht diktieren, anführen, sondern andere anregen, sich selbst einzubringen. Fragen bringen weiter – und zwar nicht nur die rhetorischen, sondern vor allem die echten, ganz offenen, vielleicht auch verwirrenden. Mein Impuls heute besteht deshalb aus einem kleinen Mosaik von Fragen. Zum Einen sind das Fragen, die mir in den letzten Jahren in Jugendarbeits-Projekten außerhalb des ejw über den Weg gelaufen sind, die mich beschäftigen, die uns mit einem Blick von außen schlaglichtartig herausfordern können. Zum Anderen geht es um Fragen, die nicht gestellt werden, die uns vielleicht abhanden gekommen sind.


1. Kann bei euch jeder mitmachen?

2. Wo taucht Evangelische Jugendarbeit auf?

3. Warum habe ich das noch nie gefragt?

4. Lebt der Glaube aus Fragen?


Lied "Etwas in mir"

a) Original

Etwas in mir zeigt mir, dass es dich wirklich gibt!

Ich bin gewiss, dass du lebst, mich kennst und mich liebst!

Du bringst mich zum Lachen, machst, dass mein Herz singt!

Du bringst mich zum Tanzen, meine Seele schwingt.

Ich atme auf in deiner Gegenwart.

Herr, du allein

gibst mir Freude, die von innen kommt,

Freude, die mir niemand nimmt.

Herr, du machst mein Leben hell mit dem Licht deiner Liebe!


Ich habe versucht, die Ausrufezeichen in Fragezeichen zu verwandeln, mit kleinen Eingriffen in den Text. Singen Sie doch einfach mal mit:


b) Veränderte Version von Wolfgang Ilg

Etwas in mir fragt sich, ob es dich wirklich gibt?

Wie werd ich gewiss, dass du lebst, mich kennst und mich liebst?

Wie mach's ich im Leiden, dass mein Herz singt?

Warum ist's so selt’n, dass meine Seele schwingt?

Wo spür ich sie denn, deine Gegenwart?

Nicht ich allein

habe Fragen, die von innen komm’n.

Fragen, die nach Antwort schrei’n.

Mache doch mein Leben hell! Wo find ich deine Liebe?


Ist es gotteslästerlich, so zu singen? Nein, ich glaube nicht! Gott ist ein Freund der Fragen. Die Lieder der Bibel jedenfalls, die Psalmen, sind voller solcher Fragen.

Das Fragen, in dem Zweifel und Hoffnung, Glaubenserfahrung und Unsicherheit mitschwingen, macht unseren Glauben echt. Muten wir das uns und den Jugendlichen doch wieder zu. Sollten wir nicht Zeichen setzen? Fragezeichen?


Dr. Martin Weingardt

...

Welche Gesprächskultur pflegen wir, welches Frage-und Antwortverhalten erleben und lernen Jugendliche bei uns? Machen wir Erwachsene nicht auch fast alle persönlichen Fragen mit uns selbst aus, oder gegebenenfalls noch mit dem Ehepartner? Wann haben Sie zum letzten Mal einen anderen um Rat gefragt in persönlichen Dingen? Und selbst in weniger persönlichen Dingen – Kirche, Politik, gesellschaftliche Fragen, was auch immer – wir fragen uns kaum mehr gegenseitig, wie wir die Dinge sehen. Viele wollen die Sichtweise des anderen gar nicht wirklich hören, sondern wollen nur ihre bereits gebildete eigene Meinung wortreich äußern.

Und in der Schule erleben Jugendliche auch keine andere Fragekultur: Lehrer stellen doch i.d.R. nur Fragen, deren Antwort sie längst wissen.

...

Der Nobelpreisträger Isidor Isaac Rabi schrieb einmal:

"Meine Mutter machte mich unbeabsichtigt zum Wissenschaftler. Jede andere jüdische Mutter in Brooklyn fragte ihr Kind nach der Schule: ‚So? Hast du heute etwas gelernt?’ - Aber nicht meine Mutter. ‚Izzy,’ sagte sie, ‚hast du heute eine gute Frage gestellt?’ Dieser Unterschied - gute Fragen zu stellen - machte mich zum Wissenschaftler."


Es ist wohl kein Zufall, dass dies in einer jüdischen Familie so geschah. Das Judentum hat eine tief verwurzelte Kultur des Fragens und dialogischen Redens, die nicht nur in der Bibel an allen Ecken entgegentritt, sondern auch im Talmud und den Erzählungen der Chassidim. Ein Rabbi weiß, warum und wie man Fragen stellt.

Etwa so wie es Heinz von Foerster, einer der Väter des Konstruktivismus meint, der einmal sagte: "Eine Frage ist illegitim, wenn ihre Antwort bereits bekannt ist. Legitime Fragen wären hingegen solche, auf die es noch keine fertige Antwort gibt. Wäre es nicht schön, wenn wir uns (..) vorrangig mit legitimen Fragen abgeben würden?"

...

Der Fragende macht ein Dreifaches deutlich:

1. Es gibt etwas, das ich noch nicht beantworten kann.

�� Er bzw. sie verdeutlicht einen eigenen Mangel: "Mir fehlt etwas, eine Antwort."

2. Du kannst es vielleicht beantworten, deshalb frage ich dich.

�� Er bzw. sie verdeutlicht eine Erwartung und damit eine Vorschub-Wertschätzung der Kompetenz des Gefragten: "Ich traue dir ein Antwort zu!"

3. Unsere Beziehung ist wichtig, weil ich durch unser Gespräch einer Antwort näher kommen könnte.


Der Gefragte erfährt:

1. Ich habe etwas zu geben: ich werde gefragt!

2. Ich bin wichtig in einer Beziehung: ein anderer braucht mich als Gesprächspartner.

3. Ich empfange durch seine Frage einen Impuls, der vielleicht auch für mich selbst und mein eigenes Leben wichtig sein könnte.

4. Vielleicht kann ich diesem anderen auch einmal eine Frage stellen, er will ja mit mir reden, er vertraut mir; ich kann ihm, glaube ich, auch vertrauen.

...

Eine solch respektvoll-sensible Gesprächskultur, die Jugendliche ernst nimmt, eine Kultur des Lebens aus Fragen, könnte in dreifacher Hinsicht relevant werden für das Jugendwerk:

(1) Als ein Ort der Vitalisierung der Jugendarbeit, weil sie verstärkt von ihrer Zielgruppe neue Impulse empfängt und mit ihr auf dem Weg des Fragens unterwegs ist;

(2) Ein wichtigstes kulturelles Element in einer gesellschaftlichen Situation, wo nahezu jede Talkshow im Fernsehen und jede Diskussionsrunde uns verdeutlicht: Wir haben das Hinhören verlernt, den Diskurs verlernt, das Stellen wichtiger Fragen, das wache Aufnehmen der Antwortbeiträge und Impulse anderer und vor allem das gemeinsame Generieren von Antworten.

(3) Als ein originärer Bildungsbeitrag der evangelischen Jugendarbeit, die sich zunehmend auch zu fragen hat, was sie eigentlich Spezifisches einbringen kann, das andere Bildungsträger nicht ebenso leisten könnten: die Jugendarbeit könnte diese Kultur des Fragens als Teil ihres Propriums erkennen.

 

Ich bin dabei!

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Christoph Zehendner

Journalist & Theologe

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