05.09.2013 - Autor: Ute Dilg

Selbst die Rocklänge muss passen

Kamera und Beleuchtung im Kirchenschiff - hier die fertig dekorierte Kirche beim Fernsehgottesdienst zur Eröffnung der Brot für die Welt-Sepndenaktion am ersten Advent 2012 (Foto: Wolf-Dieter Steinmann/EMH)

Die Vorbereitungen für den Fernsehgottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit laufen auf Hochtouren

Am Tag der Deutschen Einheit trifft sich die Politprominenz in diesem Jahr in Stuttgart. Zum Auftakt der Feierlichkeiten findet in der evangelischen Stiftskirche ein ökumenischer Gottesdienst statt, der im ARD-Fernsehen übertragen wird. Die Vorbereitungen dafür sind aufwendig, haben aber durchaus Unterhaltungswert. Ein Einblick.

Wie kurz dürfen die Röcke der Sängerinnen des katholischen Mädchenchors sein, wenn sie beim ökumenischen Gottesdienst zu den Einheitsfeierlichkeiten in Stuttgart auftreten? „Über diese Frage gab es tatsächlich eine Diskussion“, sagt Wolf-Dieter Steinmann lachend. Der Theologe ist Beauftragter für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (SWR) und Mitglied der Vorbereitungsgruppe für den Fernsehgottesdienst in der Stiftskirche am 3. Oktober. Es ist eine der vielen Diskussionen um Protokoll- und Platzfragen, um Liturgie, Chormusik und Orgelspiel, um Beleuchtung und Kamerawege.

Seit Herbst 2012 trifft sich die Arbeitsgruppe, bestehend aus Kirchenmusikern, Pfarrern und weiteren Mitarbeitern der evangelischen Landeskirchen in Württemberg und Baden sowie der Diözesen Rottenburg-Stuttgart und Freiburg. Es herrsche viel „untergründige Energie“, erklärt Steinmann augenzwinkernd. Badische und württembergische Interessen treffen auf katholische und evangelische Standpunkte. „Wir ticken alle etwas unterschiedlich“, sagt der 57-Jährige. Das gehe schon bei der Liedauswahl los. Es gebe zwar viele Lieder, die sowohl im evangelischen Gesangbuch als auch im katholischen Gotteslob als „ökumenisch“ bezeichnet werden, doch die Krux liege – wie generell – im Detail: Soll das „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ nun im Vierviertel- oder Sechsvierteltakt gesungen werden? „Das macht die Ökumene so spannend“, meint Steinmann.

Solidarität als Leitmotiv

Keine Diskussionen gab es allerdings um die Frage, wie sich die Bischöfe in den Gottesdienst einbringen werden. Der württembergische Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July wird als Gastgeber die Liturgie leiten. Der Freiburger Erzbischof Dr. Robert Zollitsch hat als Vorsitzender der Katholischen Bischofskonferenz den Vortritt, wenn es um die Predigt geht. Die beiden Bischöfe der badischen Landeskirche und der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Ulrich Fischer und Gebhard Fürst, übernehmen Fürbitten und Gebete. Im Mai stand dann auch der inhaltliche Ablauf fest. „Solidarität“ wird das Leitmotiv des Gottesdiensts sein. Gemeint ist über 20 Jahre nach der deutschen Einheit nicht die Solidarität zwischen Ost und West, sondern innerhalb der deutschen Gesellschaft. Wie ist es bestellt um die Solidarität mit Behinderten, mit Flüchtlingen oder Arbeitslosen? Betroffene werden über ihre Erfahrungen sprechen.

Markus Friedrich ist als Mesner der Stiftskirche ein wichtiger Ansprechpartner. Der 44-jährige Familienvater wirkt seit vielen Jahren als gute Seele in Stuttgarts zentralem evangelischem Kirchengebäude und hat schon mehrere Übertragungen und Aufzeichnungen erlebt. Er kennt sich aus mit der Beleuchtungsanlage, weiß, wo man Tonkabel verlegen kann und wie der Brandschutz in der Kirche organisiert ist. Die Vorbereitungsgruppe, das Team des SWR, aber auch die Mitarbeiter des Protokolls bei der Landesregierung wissen seine Expertise zu schätzen. „Man kann sich als Außenstehender nicht vorstellen, wie aufwendig so ein Fernsehgottesdienst tatsächlich ist“, sagt Friedrich. „Die Kirche wird ein Stück weit zum Fernsehstudio. Es wirkt oft so unwirklich, wenn zum Beispiel die Kamera, die am Kran aufgehängt ist, über die Köpfe der Gottesdienstbesucher hinwegschwebt.“

Höchste Sicherheitsstufe

Was den Gottesdienst zur Einheitsfeier von anderen Fernsehgottesdiensten unterscheidet, sind vor allem Sicherheitsvorkehrungen und Protokollfragen. Der Grund: Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ministerpräsident Winfried Kretschmann und andere Prominente aus der Politik geben sich die Ehre. „Wir müssen zum Beispiel einen bestimmten Sicherheitsabstand zu den Politikern einhalten“, erklärt Markus Friedrich. So dürfen Orchester und Chor den Spitzenpolitikern nicht zu nahe kommen. Das Gebiet um die Kirche wird zum Sperrgebiet. Alle, die sich ab einem bestimmten Zeitpunkt dort aufhalten, also jedes Chormitglied, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des SWR, alle Mitwirkenden beim Gottesdienst und alle Gottesdienstbesucher müssen eine Akkreditierung haben und durch eine Sicherheitsschleuse gegangen sein. Ein Hubschrauber kreist über dem Veranstaltungsort.
Am Vorabend des 3. Oktober, wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen und alle Proben gelaufen sind, sucht eine Hundestaffel die gesamte Kirche nochmals nach Sprengstoff ab. Darauf freut sich Friedrich sogar. „So etwas sieht man ja nicht alle Tage“, sagt er. 1997 habe er schon einmal eine Hundestaffel erlebt. Auch damals fanden die Einheitsfeierlichkeiten in Stuttgart statt. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der ehemalige US-Präsident George Bush hatten daran teilgenommen. Doch trotz des hohen Besuchs seien die Sicherheitsvorkehrungen damals lang nicht so aufwendig gewesen, erinnert sich Friedrich.

Platzmangel in der Kirche

Besondere Kopfschmerzen bereiten Markus Friedrich vor allem die begrenzte Anzahl der Sitzplätze. Jeder Platz wird gebraucht für die vielen geladenen Gäste, etwa Tausend werden es sein. Auch Kay Johannsen macht sich Gedanken um den mangelnden Platz. Wohin mit den Musikern? „Mir ist es wichtig, dass im Gottesdienst viel Musik vorkommt“, sagt der renommierte Stiftskirchenkantor. Auch eigene Kompositionen will er im Gottesdienst präsentieren. Drei Chöre werden singen: die Stuttgarter Kantorei begleitet von der Stiftsphilharmonie, die Freiburger Domsingknaben und die Mädchenkantorei der Domkirche St. Eberhard in Stuttgart.

Bei den Proben stoppen die Chorleiter die Zeit, denn das Drehbuch für den Gottesdienst ist genau durchgeplant. Keiner darf überziehen, um auch wirklich im Sendeplan zu bleiben. Johannsen empfindet das nicht als Einschränkung. „Im Gegenteil“, sagt er. „Mir gefällt es, so genau zu arbeiten. Unangenehm ist eher, dass man schon um 7:30 Uhr zur Maske da sein muss.“ In der Unterkirche richtet der SWR eine Garderobe ein. Alle Mitwirkenden werden geschminkt, die Solisten bekommen zwei Lagen Make-up mehr aufs Gesicht. „Und dem Organisten werden die Hände gepudert“, erzählt Johannsen aus seiner Fernseherfahrung.

Und was hat es nun mit den Röcken des Mädchenchors auf sich? „Wir hatten diskutiert, dass die Mädchen möglicherweise auf der Sängerempore mit dem Glasgeländer stehen sollen, oberhalb des Altars“, erklärt Wolf-Dieter Steinmann. Und da könnten ihnen die Gottesdienstbesucher in der Tat unter die Röcke schauen. Doch auch diese Geschichte löst sich in Wohlgefallen auf: Der Mädchenchor wird auf eine Seitenempore platziert. Außerdem tragen die Sängerinnen lange Roben.

Ute Dilg
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