27.07.2009 - Autor: sb

Spur zu den Schreibtischtätern

Aktion erinnert an „Euthanasie-Verbrechen" vor 70 Jahren

Die Ermordung von Kranken und Behinderten im „Dritten Reich" ist kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert. Eine Stuttgarter Initiative will im Oktober eine sichtbare Spur vom Ort des Verbrechens zu den Schreibtischtätern legen.

Was von Fachleuten immer wieder als Vorstufe zum Holocaust bezeichnet wurde, nahm seinen Ausgang vor genau 70 Jahren. Damals brüteten eifrige Beamte im Württembergischen Innenministerium die regionalen Pläne für die industrielle Massenvernichtung von Menschen aus, die nicht in ihre braune Rassenlehre passten.
In der ländlichen Idylle von Schloss Grafeneck - fernab der pulsierenden Landeshauptstadt - begann Teil eins der reichsweiten „Aktion T4", im Verlauf derer allein in Grafeneck über 10 600 Kranke und Behinderte den Tod in der Gaskammer fanden. Zuvor hatte das Stuttgarter Innenministerium im Oktober 1939 das Schloss, das seit 1928 von der evangelischen Samariterstiftung als Behindertenheim für „krüppelhafte" Männer betrieben wurde, für „Zwecke des Reichs" beschlagnahmt. In Grafeneck erinnert - wenn auch erst seit 2005 - die dortige Gedenkstätte an die geplante Mordaktion. Dort, wo die Schreibtischtäter saßen, findet sich dagegen kein einziger Hinweis auf das Verbrechen.

Die bislang lediglich imaginäre Verbindung zwischen dem Tatort und der Planungsstätte möchte ein Stuttgarter Aktionsbündnis jetzt sichtbar werden lassen. Der Arbeitskreis „Euthanasie" der Initiativen Stolpersteine (Harald Habich) und das Bürgerrechtsforum „Die AnStifter" (Peter Grohmann) haben die Idee für eine „Spur der Erinnerung" entwickelt, die sich von Grafeneck bis nach Stuttgart ziehen soll. Ein zehn Zentimeter breiter violetter Streifen, den die Initiatoren auf Gehwegen, Straßen und Plätzen aufgetragen möchten, soll beide Orte miteinander verknüpfen.

„Die Farbe violett symbolisiert die Gefühlsgegensätze zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod, Verstand und Spiritualität - steht aber auch für Leid, Hilflosigkeit und Verlassenheit", heißt es auf der Projekt-Homepage www.spur-der-erinnerung.de. Entlang der Spur soll es aber auch Raum für künstlerische Ausdrucksformen geben. Gepinselt werden soll die Markierung nur auf öffentliche Flächen - dadurch will man eventuellen Schadensersatzansprüchen von privater Seite aus dem Weg gehen.

Das Projekt „Spur der Erinnerung" hat längst prominente Unterstützer gefunden. Die beiden Bischöfe Dr. Ottfried July und Dr. Gebhard Fürst haben die Schirmherrschaft übernommen, der Deutsche Gewerkschaftsbund der Region, Behindertenverbände und viele zivilgesellschaftliche Einrichtungen stehen Pate. Entlang der „Spur" von Grafeneck nach Stuttgart organisieren lokale Aktionskreise Begleitveranstaltungen und legen den Streckenverlauf fest. Möglichst viele Menschen wollen die Initiatoren für das Projekt gewinnen - besonders die Jugend.

Die eigentliche Projektwoche beginnt am 12. Oktober mit einem wissenschaftlichen Symposium zur „NS-Euthanasie" im Plenarsaal des Stuttgarter Rathauses. Die Farbspur wird dann in der Zeit vom 13. bis zum 16. Oktober gelegt: Von Grafeneck soll sie über Gomadingen, Münsingen, Seeburg, Bad Urach, Dettingen, Neuhausen, Metzingen, Riederich, Bempflingen, Neckartenzlingen, Altdorf, Neckartailfingen, Aichtal, Filderstadt, vorbei am ehemaligen KZ Flughafen nach Leinfelden-Echterdingen, Möhringen, Degerloch und schließlich nach Stuttgart-Mitte vor das Innenministerium in der Dorotheenstraße führen. Während der Projektwoche finden etliche Kulturveranstaltungen und historische Stadtrundgänge statt.

Die jetzige Aktion ist als Vorbereitung für ein Folge-Projekt im nächsten Jahr angelegt: Steht in diesem Jahr die Planung der „Euthanasie-Verbrechen" im Vordergrund, so will das Stuttgarter Aktionsbündnis 2010 nochmals an Massenvernichtung von Kranken und Behinderten im „Dritten Reich" erinnern.

Christian Brinkschmidt

Hand aufs Herz
Am Donnerstag, den 1. Oktober 2009, 11 h, laden die Initiatoren der „Spur der Erinnerung" zur ersten zentralen Pressekonferenz ein. Harald Habich wird über die Motive der Aktion berichten, Michael Ogger den historischen Kontext erläutern und Beate Blank die Ausgrenzung behinderter Menschen heute problema-tisiere. Die Pressekonferenz findet im Rathaus Stuttgart statt; eine besondere Einladung erfolgt noch.


Tatort Dorotheenstraße: Die 72-seitige Broschüre geht in die dritte Auflage:
Verkauft: 3500 Exemplare!
Bestellen: info@spur-der-erinnerung.de

Webcode 2009ejw0727 

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Rolf Lehmann

Bürgermeister a. D. / Ministerialdirektor i. R.

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