31.01.2014

Seit 60 Jahren ein Fan des Landesposaunentages

Wieso ich seit 60 Jahren zum Landesposaunentag nach Ulm gehe. Ein Statement von Reinhart Hohner, dem Autor des Buches "Ulm - ein Vorplatz des Himmels"

Fast jeder und jede ist heute ein Fan: z.B. von einem Fußballclub, einem Spitzensportler, einer Schlagersängerin, einem Rennfahrer. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten Fan zu sein. Ich bin ein Fan von etwas ganz besonderem: vom Landesposaunentag in Ulm, der alle zwei Jahre stattfindet, ein Fan seit genau 60 Jahren, seit 1954. Für die jungen Leute von heute ist das Jahr 1954 wahrscheinlich graue Vorzeit. Die Fußballfans kennen aber das wichtigste Ereignis jenes Jahres, „das Wunder von Bern“, als Deutschland zum ersten Mal Fußballweltmeister wurde. Für mich ist 1954 das Jahr meiner Konfirmation und meine erste Zeit als Jungbläser. Und: ich durfte zum ersten Mal mit meinem Posaunenchor von Trossingen nach Ulm fahren zum Landesposaunentag des Evangelischen Jungmännerwerks in Württemberg, wie es damals hieß. Ich konnte nicht ahnen, dass ich ein Leben lang den Posaunentagen treu bleiben würde und dass ich auch 60 Jahre später immer noch gerne nach Ulm fahren werde. Das einmalige, unvergleichliche Erlebnis, wenn tausende von Blechbläsern im Münster oder in der Donauhalle und - vor allem - auf dem Münsterplatz vor dem höchsten Kirchturm der Welt gemeinsam musizieren, hat mich immer wieder aufs Neue fasziniert. „Sternstunden unserer Kirche“ nannte ein schwäbischer Landesbischof die Ulmer Posaunentage. Und damals ist auch meine Liebe zum Ulmer Münster, der größten evangelischen Kirche in Europa, erwacht.  Ich bin seither in 60 Jahren bei allen 30 Landesposaunentagen dabei gewesen, wovon 29 in Ulm stattfanden. Nur 1966, als das Münster renoviert wurde, mussten die Bläser auf drei andere Veranstaltungsorte ausweichen, nach Heilbronn, Freudenstadt und Ravensburg. Der kommende 45. Landesposaunentag am 5. und 6. Juli 2014 in der früheren alten Reichsstadt an der Donau steht unmittelbar bevor. Die Leitung liegt wieder in den bewährten Händen von Landesposaunenwart KMD Hans-Ulrich Nonnenmann und Cheforganisator Albrecht Schuler.

In meiner Jugendzeit und noch lange Jahre danach waren die Landesposaunentage etwas ganz Besonderes. Wochen und Monate davor hat man sich darauf gefreut, Wochen und Monate danach hat man von dem Erlebten gezehrt. Man kannte ja noch nicht den Freizeitstress, wo ein Event den anderen jagt und man schon übermorgen nicht mehr weiß, was gestern war. Damals boten uns Sportvereine, die Pfadfinder oder kirchliche Jugendkreise die nötige Abwechslung von der Schule. Wir Konfirmanden von 1954 hatten eine behütete, aber – verglichen mit heute – ärmliche Kindheit. Bei uns zuhause gab es z. B. noch kein Auto, keinen Fernseher, keinen Plattenspieler und kein Telefon. Computer, Internet oder Handy waren damals und noch jahrzehntelang völlig unbekannt. Aber wir hatten trotzdem keine Langeweile, immer war etwas los. Man saß nicht stundenlang vor einem TV- oder PC-Bildschirm, sondern man war „live“ auf der Gass‘. Dort spielte sich das Leben ab.

Am Samstag, 1. Mai 1954 fuhr ich zum ersten Mal mit den Trossinger Bläsern und ziemlich viel „Fußvolk“ in einem großen Bus Richtung Ulm. Es waren 140 km Bundesstraße, ohne jede Autobahn, dafür mit vielen Ortsdurchfahrten. Mein Instrument, einen alten, leicht verbeulten Bariton, hatte ich daheim gelassen, denn ich traute mich noch nicht in Ulm mitzuspielen, obwohl mein Vater, der Trossinger Chorleiter und Bezirksposaunenwart, dabei war. Unser Chor verband den Posaunentag mit einem Ausflug, ich glaube nach Blaubeuren zum Blautopf, und wir übernachteten in Ulm in Privatquartieren. In Ulm sah ich zum ersten Mal eine kriegszerstörte Stadt. Wie ich erfuhr, hatten die alliierten Bomber im Dezember 1944 die Ulmer Innenstadt in Schutt und Asche gelegt. Nur das Münster war mitten in dieser Trümmerwüste, fast unbeschädigt, stehen geblieben. Das war erst knapp zehn Jahre her, und der Wiederaufbau am Münsterplatz befand sich noch im Anfangsstadium. Nun sah ich auch zum ersten Mal das monumentale Münster von innen. Zwischen himmelstrebenden Pfeilern und Säulen saßen überall Bläser, und über ihnen stand Hermann Mühleisen, der allseits beliebte Landesposaunenwart auf hohem Podest, den riesigen Taktstock schwingend. Und ich hörte zum ersten Mal den majestätisch-gewaltigen “Sound“ aus 4.500 Trompeten, Hörnern, Posaunen und Tiefbässen. Ein unbeschreibliches Erlebnis für Augen und Ohren! Besonders wenn noch die große Orgel einstimmte. So etwas hatte ich noch nie gesehen oder gehört.

Von 1956 an war ich dann regelmäßig als aktiver Bläser in Ulm dabei, jahrzehntelang. Und jedes Mal war es ein Highlight im Jahresablauf. Es war immer wieder aufs Neue ein zutiefst beglückendes Erlebnis - der Zusammenklang von großer Bläsermusik, Verkündigung und Ulmer Flair. Ich konnte dem damaligen Landesbischof Martin Haug zustimmen, der einmal - humorvoll, wie er war - vorgeschlagen hat, dass der Landesposaunentag eigentlich auf jedem Marktplatz des Landes stattfinden sollte. Jahrzehntelang hatte ich beim Posaunentag immer den Foto dabei und bemühte mich um gute „Schuss-Positionen“, etwa hoch oben bei der Münsterorgel, von wo aus ich die blasenden Heerscharen aus der Höhe fotografieren konnte. Immer wieder versuchte ich auch bei der Schlussfeier - damals Schlusskundgebung genannt -, das riesige festliche Rund gut ins Bild zu bekommen, möglichst von einer erhöhten Stelle aus. Die attraktiven Fanfarenbläser hatten es mir besonders angetan. Dabei habe ich mit dem Fotografieren auch unbeabsichtigt dokumentiert, wie sich der Posaunentag im Laufe der Zeit verändert hat. Zum Beispiel beim „Outfit“ der Bläser (Frauen und Mädchen gab es in nennenswerter Zahl erst ab den 70-er Jahren). Davor sind die Bläser immer im Sonntagsanzug mit Krawatte in Ulm erschienen. Das Ganze erhielt dadurch einen etwas feierlichen Rahmen. Ab den 70-er Jahren wurde jedoch zunehmend die bunte Freizeitkleidung üblich. Heute kommt jeder und jede, wie es ihm oder ihr gefällt.

Auch im Programmablauf und musikalisch haben sich die Posaunentage langsam aber stetig verändert, was hier nur kurz erwähnt werden kann. Es war ein langer Weg von der Ära Mühleisen/Mergenthaler über den großen Kirchenmusiker Erhard Frieß bis zu Hans-Ulrich Nonnenmann, den Meister bläserischer Präzision – also von den klassischen Intraden und Choralsätzen bis zu den heutigen „fetzigen“ Musikstücken, die vom Popstil mitgeprägt sind. Nur ein musikalischer Programmpunkt bleibt seit 1946 stets derselbe und wurde zu einem Markenzeichen der Ulmer Posaunentage: das große Finale mit „Nun danket alle Gott“, dem Läuten der Münsterglocken und „Gloria sei dir gesungen“, bei dem schon manchem die Tränen in den Augen standen. Dabei dirigiert der Landesposaunenwart auf seinem hohen Podest in der Mitte des Platzes mit langem Taktstock als „Fels in der Brandung“ die um ihn  gedrängte riesige  Bläserschar. Neben der Musik war mir beim Posaunentag stets auch „das Wort“ wichtig. Denn die Posaunenchöre sind neben allem Spaß am Musizieren auch und insbesondere Lautsprecher der christlichen Botschaft. Alle neun bisherigen Landesbischöfe bis zu Frank O. July waren gern gesehene Redner in Ulm. Als Wortverkündiger habe ich besonders geschätzt: in den frühen Jahren Martin Haug und Walter Tlach, über viele Jahrzehnte hinweg: Theo Sorg und Rolf Scheffbuch, und in neuerer Zeit: Rainer Kiess und Gottfried Heinzmann. Ihnen verdanken Generationen von Bläsern eine klare Wegweisung.

Auf den Posaunentagen ist, wie in den Chören, jedes Alter vertreten. Acht- und 80-Jährige können gut miteinander musizieren – ein Generationen übergreifendes Bildungsprojekt.

Und welche Posaunentage waren nun die schönsten? Vor allem diejenigen, die von strahlend-schönem Wetter begleitet waren. Wenn tausende von golden glänzenden Instrumenten mit der Sonne um die Wette funkeln, ist der Münsterplatz jener wunderbare „Vorplatz des Himmels“, von dem Landesbischof Theo Sorg einmal gesprochen hat. Ich denke an 1958, als bei der sonnenüberstrahlten Schlussfeier nur Bach-Choräle gespielt wurden - zwölf insgesamt -, oder an 1968, als vor der versammelten schwäbischen Bläsergemeinde Hermann Mühleisennach fast 40-jährigem Dienst als Landesposaunenwart von Altbischof Martin Haug humorvollverabschiedet wurde. Oder an 1974, als der 25. „Jubiläums“-Posaunentag für mehrere Jahre der letzte war, bei dem die Frühlingssonne die Münsterstadt und alle ihre Musikanten mit ihrem goldenen Licht überflutete. Erst der 1990-er und die folgenden Posaunentage wurden wieder  von der Sonne verwöhnt, besonders der von 1998, als Erhard Frieß letztmals dirigierte – es war der temperaturmäßig heißeste Posaunentag aller Zeiten. 1996 und 1998 gab es auch ausführliche Live-Übertragungen im Fernsehen aus dem Münster und vom Münsterplatz. Auch das Radio übertrug damals oft den Münster-Gottesdienst live. Im Jahr 2000 gab KMD Nonnenmann seinen Einstand auf dem Münsterplatz mit der imposanten Ouvertüre aus der „Feuerwerksmusik“ von Händel. Er ist erst der vierte Landesposaunenwart seit es die württembergischen Posaunenchöre gibt. Doch noch einmal zurück zum Wetter:  Es war beim Posaunentag 1980, als zu Beginn der Schlussfeier kalte Regenschauer und Windböen über den Platz fegten, sodass sich Bläser und Zuhörer unter ihre Schirme verkrochen. Bange Frage:  Fällt die Schlussfeier aus? Aber der wackere Wilhelm Mergenthaler hob mutig seinen großen weißen Taktstock, etwas zaghaft folgten ihm die Bläser. Doch sie trotzten dem Regen. Erst als „Großer Gott wir loben dich“ gespielt wurde, ließ er allmählich nach und Sonnenstrahlen blinzelten durch die Wolken. Die Noten waren hinterher allerdings ziemlich durchnässt.

Erfreulich entwickelten sich die Teilnehmerzahlen in jenen Jahrzehnten: sie nahmen von Mal zu Mal zu. Waren es 1958 schon 6.000 aktive Bläser, so kamen zehn Jahre später sogar 7.500 und ab 1978 über 8.000. Das riesige Münster war regelmäßig überfüllt, für Zuhörer war kaum Platz, obwohl ab 1968 in der Donauhalle und später im CCU Parallelveranstaltungen stattfinden. Ihren Höhepunkt erreichte die Teilnehmerzahl in den 1990-er Jahren, als jeweils über 9.000 Bläser und Bläserinnen zum Posaunentag kamen. Ein spezielles Platzproblem ergab sich dann dadurch, dass der Münsterplatz damals durch den Bau des Stadthauses verkleinert worden ist. Doch später wurden die Rekordteilnehmerzahlen bei den Ulmer Posaunentagen nicht mehr erreicht, sodass der jetzige Münsterplatz als „Konzertsaal“ der schwäbischen Posaunenbläser groß genug ist. Den Titel „größter Posaunenchor der Welt“ haben die alle zwei Jahre in der Münsterstadt vereinigten Posaunenchöre übrigens im Jahr 2008 verloren, als beim ersten Deutschen Posaunentag im Leipziger Zentralstadion 16.000 Bläserinnen und Bläser gemeinsam musizierten - ein gewaltiges Erlebnis! Auch beim nächsten Deutschen Posaunentag 2016 in Dresden wäre ich gerne wieder dabei.

Zum Schluss soll von „Ulm“ noch kurz erwähnt werden: die hochkarätige Bläsermusik bei den Eröffnungsfeiern am Samstagabend mit dem „Schwäbischen Posaunendienst“, die interessanten Sonderveranstaltungen und schönen Konzerte der verschiedensten Art, die tolle Stimmung beim Jungbläserfestival in der Donauhalle mit Posaunenreferent Michael Püngel, die musizierfreudigen Ensembles in der „Klingenden Stadt“, die faszinierende Aussicht vom Hauptturm des Münsters (768 Stufen!), die schönen Spaziergänge an der Donau und im Fischerviertel und - nicht zuletzt - die  Organisatoren und die fleißigen Ulmer Helfer sowie die gastfreundliche Stadt Ulm mit ihrem OB Ivo Gönner. Gerne denke ich dabei auch an die früheren Verantwortlichen, z.B. den Ulmer CVJM-Vorsitzenden Otto Groß oder Bezirks-posaunenwart Paul Häge. Wenn nun ein Posaunentag zu Ende ist, beginnen - nach kurzem Verschnaufen - die Vorbereitungen für den nächsten. Auch ich freue mich schon darauf, kaum dass das ewig-schöne „Gloria“ vor dem Münster verklungen ist. Für mich, der jetzt zu den „Senioren“ gehört, der das Instrument längst an den Nagel gehängt hat und nur noch als Zuhörer und Zuschauer dabei ist, ist es jedes Mal aufs Neue ein großes Fest auf dem „Vorplatz des Himmels“. Und ich höre immer noch die Worte des früheren OB Pfizer, der uns oft zugerufen hat: „Gott befohlen und in zwei Jahren wieder in Ulm!“            

Reinhart Hohner
Autor des Buches „Ulm – ein Vorplatz des Himmels“

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