„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66,13)
Markus Schleeh, Workcamp-Leitung und 1. Vorsitzender des Länderausschusses Rumänien und Slowakei, berichtet vom Workcamp in Rumänien, das im August 2026 stattfand:
„Oberin Pamfilia hat Tränen in den Augen. Vor ihr stehen elf Menschen aus Württemberg, mit denen sie in den vergangenen zwei Wochen gearbeitet, gelacht und gebetet hat. Jetzt heißt es Abschied nehmen. Noch einmal werden Hände gedrückt, Umarmungen ausgetauscht und Segenswünsche gesprochen. Niemand möchte, dass dieser Moment zu Ende geht.
In meinen Händen halte ich die Ikone der Maria, der Patronin des Frauenklosters Piatra Fântânele. Ihr kleiner Mund steht für Schweigen und Weisheit, die sanften Gesichtszüge und die Nase für Reinheit. Ihr Blick erzählt von Demut und Barmherzigkeit. Die Ikone ist ein Geschenk an das Leitungsteam des Workcamps Rumänien – und wird in diesem Moment zu einem besonderen Zeichen für das, was in den vergangenen Tagen gewachsen ist: Vertrauen, Freundschaft und die Erfahrung, getragen zu sein.
Wir sind in die Ostkarpaten gekommen, um zu bauen. Doch zurück bleiben nicht nur Mauern aus Beton und Ziegeln. Zurück bleiben Begegnungen, gemeinsame Gebete, Lieder und Geschichten. Und das Gefühl, für kurze Zeit Teil einer großen Familie geworden zu sein.
In den letzten beiden Augustwochen ist eine Gruppe mit elf Personen aus Württemberg nach Piatra Fântânele gereist, um ein Gebäude für die zukünftige Unterbringung der Dorfkinder weiter auszubauen. Die ehrenamtliche und pädagogische Leitung hatte Margret Illi undMarkus Schleeh, die technische Leitung Andreas Grauer. Es ist bereits das sechste Workcamp in Folge, seit die Partnerschaft des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg (EJW) mit dem Kloster und der orthodoxen Erzdiözese begann. Stein auf Stein entsteht ein neuer Ort für Kinder – und gleichzeitig wächst etwas zwischen den Menschen.
Wir vom EJW, die Nonnen und Jugendlichen, die im Kloster aufgewachsen sind, die Bauarbeiter, Stefan Iloaie der orthodoxen Erzdiözese und die jungen Erwachsenen aus Cluj von der Jugendorganisation ASCOR sind in diesen zwei Wochen zusammengewachsen. Was zunächst nach einem gemeinsamen Bauprojekt aussieht, wird zu einer Begegnung: zwischen Württemberg und Rumänien, zwischen orthodoxer und evangelischer Tradition, zwischen Menschen, die sich zuvor nicht kannten.
Die Suche nach Gott im Nächsten
Nonne Diana erzählt beim Abschied vom ersten gemeinsamen Frühstück. Sie habe jeden von uns beobachtet und Gott gefragt, welchen Plan er für diese Tage mit uns habe, da er uns alle hier zusammengebracht habe. Trotz der Unterschiede in Kultur und Tradition habe uns etwas Entscheidendes verbunden: die Suche – oder, wie die Heiligen Väter sagen, „die gute Unruhe“. Nonne Diana beschreibt diese Suche als ein Geschenk Gottes, das uns ihm und zugleich dem Menschen neben uns näherbringt – „genau so, als ob wir auf den Gipfel eines Berges gestiegen wären“. Vielleicht beschreibt dieses Bild ziemlich genau, was wir in diesen Tagen erlebt haben. Wir sind gemeinsam losgegangen, haben Höhen und Tiefen erlebt und sind dabei einander nähergekommen.
Und dann ist da die Musik. Am Vorabend haben wir gemeinsam gesungen und musiziert. Worte wurden nicht immer verstanden, aber die Lieder schon. „Die Schwingung der Musik brauchte keinen Übersetzer“, sagt Nonne Diana.
Stein auf Stein – Raum für Raum
Auch beim Bauen geht es Schritt für Schritt voran. Im Untergeschoss des Hauses für die zukünftigen Bildungs-Räumlichkeiten für die Nonnen und Kinder werden rund 20 Kubikmeter Beton verarbeitet und 100 Quadratmeter Mauerwerk errichtet. Es wird gemischt, getragen, gemauert und gemessen. Hände, die am Anfang noch ungewohnt zusammenarbeiten, finden ihren gemeinsamen Rhythmus.
Am Tag unserer Abreise werden schließlich Fenster und Türen aus der Ukraine geliefert. Sie sind mit einem Zuschuss der Evangelischen Landeskirche finanziert worden. Noch ist das Gebäude eine Baustelle. Doch schon jetzt lässt sich erahnen, was hier einmal entstehen soll: ein sicherer Ort für Kinder, ein Zuhause auf Zeit, ein Raum für Gemeinschaft und neue Perspektiven.
Von Mehlsuppe und Brennnesseln
Nach dem Abschiedsfest sitzen wir noch lange zusammen. Eigentlich wäre es Zeit zu gehen, aber niemand scheint es eilig zu haben. Wir reden, lachen, erinnern uns und tauschen die Eindrücke der vergangenen Tage aus.
Oberin Pamfilia erzählt, wie alles begann. Als sie mit den ersten Nonnen nach Piatra Fântânele kam, mussten sie ganz von vorne anfangen. Der erste Winter war besonders hart. Es gab kaum etwas zu essen, oft nur Mehlsuppe. Sehnsüchtig warteten die Schwestern auf den Frühling, um die ersten Kräuter und Brennnesseln zu sammeln und damit ihre karge Mahlzeit zu ergänzen.
Die Nonnen sammelten Spenden bei den Menschen im Dorf, um mit dem Aufbau des Klosters beginnen zu können. Aus wenig wurde mehr. Aus einem Anfang entstand ein Ort, an dem heute Kinder und Jugendliche aufwachsen und Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen.
Für Pamfilia ist die Hilfe aus Württemberg deshalb immer wieder wie ein kleines Wunder – und ein Zeichen der Barmherzigkeit. Bei jedem Workcamp bauen wir ein Stück weiter.
Eine bessere Version von uns selbst
Auch die Studentin Irina aus Cluj schaut dankbar auf die vergangenen Tage zurück. Sie bedankt sich für unsere Offenheit, unsere Herzlichkeit, die Lieder und die positive Energie.
Und dann erzählt sie mit einem Lächeln, dass sie immer gedacht habe, Deutsche seien eher zurückhaltend und kühl. „Aber ich glaube, ihr wart sogar lebensfroher als wir.“ Ihre Worte bringen uns zum Lachen. Gleichzeitig erzählen sie viel über diese besondere Begegnung. Denn vielleicht haben wir in diesen zwei Wochen nicht nur Mauern gebaut, sondern auch manche Vorurteile abgebaut. Irina glaubt, dass die Gebete, die Offenheit und die Freude der Schwestern allen geholfen haben, „eine bessere Version von uns selbst zu sein“. Dann sagt sie: „Lasst uns alle füreinander beten. Doamne ajută!“
Getragen von Trost und Barmherzigkeit
Wieder fällt mein Blick auf die Ikone der Maria. Ihr ruhiges Gesicht, ihr sanfter Blick. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Vielleicht bekommen diese Worte in diesem Moment eine ganz neue Bedeutung.
Mit dem Bild von Maria vor Augen wird uns bewusst, dass wir in unserem Glauben Trost und Barmherzigkeit erfahren dürfen – und dass wir diese Barmherzigkeit an andere Menschen weitergeben können.
Dann kommt der Moment des endgültigen Abschieds. Umarmungen, Tränen, ein letztes Winken.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte dieses Workcamps: Wir sind gekommen, um Räume für die Zukunft zu bauen. Beton wurde gegossen, Mauern wurden errichtet, Fenster und Türen wurden geliefert. Doch auf dem Weg dorthin sind auch Räume zwischen Menschen entstanden – Räume für Vertrauen, Freundschaft, Glauben und Hoffnung.
Und so fahren wir zurück nach Württemberg mit dem Wissen, dass wir uns wiedersehen werden. Bis dahin bleiben wir verbunden: in unseren Erinnerungen, in unserer Freundschaft und – wie Maica Diana es sich zum Abschied wünscht – so oft wie möglich im Gebet.“